Fremdenverkehrsamt

Da sitze ich so morgens um 6:43 Uhr an der Straßenbahnhaltestelle und gucke mir noch etwas verschlafen die neueste Werbung in dem Straßenbahnhaltestellenwerbungsglas-kasten an. Und stutze. Nee, oder? Echt jetzt? Da macht meine geliebte Heimatstadt Hamburg Werbung für Weihnachten-im-Norden. Auf dem Bild zwei Paar frisch verliebte, sich gegenseitig neckende und die gebrannten Mandeln mopsende Menschen, mit trendigen Bommelmützen und vor der Kulisse des Hamburger Rathauses. Als das Bild entstand war bestimmt noch Sommer, denn etwas ganz Entscheidendes fehlt, um das Bild so richtig weihnachtlich authentisch zu machen: der wie blöd in seinem Schlitten hängende und an einem Seil über den gesamten Rathausmarkt gezogene Weihnachtsmann, nebst Christkind. Das alljährliche Spektakel für den gemeinen Hamburg Besucher auf dem immer übervollen und für mich unattraktivsten Weihnachtsmarkt, den Hamburg zu bieten hat. Da gibt es weitaus schönere! Oh ja. Ich möchte ja gar nicht behaupten, dass der Bergedorfer Weihnachtsmarkt der allerschönste ist, nur weil ich dort geboren und aufgewachsen bin, aber ein Besuch lohnt sich in jedem Fall. So vor der Kulisse des Bergedorfer Schlosses, joah, dat is schon bannig scheun, scheun, scheun! Hamburg hat in fast jedem Stadtteil, mag er noch so klein sein, einen oder mehrere Plätze an dem Glühwein, Höögvein oder andere schnapshaltige Gesöffe an den mehr oder weniger trinkfesten Weihnachtsmarkthopper gebracht wird. Da muss man wirklich nicht mit dem am Rathausmarkt werben.

Was mir aber heute Morgen die Augen geöffnet hat und mich sogleich meine Handykamera herausholen lassen hat war, dass in BREMEN Werbung für den HAMBURGER WEIHNACHTSMARKT gezeigt wird. Ich bin es mittlerweile schon gewohnt, dass meine beiden Hansestädte ihre jahrelange Rivalität scheinbar irgendwie aufgegeben haben, zumindest was das Touristische angeht. Werbung für unsere ElbPhi oder andere Spektakel sind an den Bremer Litfaßsäulen schon fast an der Tagesordnung. Hier mag der aufmerksame Beobachter jetzt aber den Finger heben und zurecht sagen: Die von Dir fotografierte Werbung scheint ja nun aber mal für den „gesamten“ Norden zu gelten (nimmt man die Internetadresse für bare Münze), also alle Weihnachtsmärkte zwischen Flensburg und Hannover, zwischen Oldenburg und Wismar und nicht nur Hamburg-Marketing par excellence. Aber, leider nein, liebe Mitleser! Weit gefehlt. Auf der angepriesenen Internetseite hat die Hamburger Tourismusbörse tatsächlich zunächst einmal nur die ganzen Hamburger Weihnachtsmärkte aufgelistet und abgebildet und dann gibt es da noch einen ganz kleinen Beitrag der da heißt „Weihnachten in der Metropolregion Hamburg“. Nun, mag man denken, dann wird da sicherlich auch Bremen mit dabei sein. Da sind dann aber leider doch nur Lüneburg, Stade, Lübeck, das Gut Basthorst (aha, da sag ich jetzt mal nix zu) und, jetzt kommt es, die Knallerstadt B u x t e h u d e, aufgeführt. Okee, bevor ich jetzt von allen Buxtehudern gemobbt werde, ja, ich kann mir eigentlich keinen Kommentar erlauben, ich war tatsächlich noch nie vor Ort und höchstwahrscheinlich haben die dort den aller-, aber auch wirklich aller-aller-schönsten Weihnachtsmarkt. Und ich kenne ihn noch nicht. Dabei bin ich die Weihnachtsmarktliebhaberin hoch3!

Und das bringt mich zurück zu meinem Punkt. Bremen, meine neue-alte Heimat BREMEN hat für mich wirklich einen der schönsten Weihnachtsmärkte Deutschlands. Schon wenn man aus Richtung des Bahnhofs kommt, kann man spätestens an der Ecke zum Hillmannplatz den Geruch von Mutzen riechen und wenn man von der Katharinenpassage über den Domshof läuft und am Neptunbrunnen das Kinderkarussel bestaunt, sich noch schnell beim Holländischen Pommes-Fietje eine Riesenportion Pommes mit Mayonnaise und / oder Sour-Cream holt, dann geht das Weihnachtsfeeling los. Sich vor der Bürgerschaft am Roland mit Freunden verabreden und mit hundert anderen Menschen dort warten, die das Gleiche gemacht haben, den Mitarbeiter der BSAG bestaunen, der jedes Jahr mit einer großen Weihnachtsglocke und Weihnachtsmannmütze bewaffnet vor den fahrenden Straßenbahnen die Obernstraße hoch- und runterläuft, um alle zu warnen, die von einem Büdchen zum nächsten huschen wollen und vor lauter Weihnachtsglühen die Straßenbahnschienen übersehen. Wenn man dann weiter zur Schlachte flaniert und dort auf beleuchtete und zauberhaft anmutende Alleebäume trifft, nebst einen wie ich finde überbewerteten „Mittelalterlichen Weihnachtszauber“, meinetwegen können die bitte alle auch ganz normales Hochdeutsch sprechen, Honigwein ohne Tamtam ausschenken und sich der Jahreszeit angemessen warm anziehen. Ich steh nicht so auf Männer mit Lederkappen auf dem Kopf und in Nachthemden die mich mit „Edle Dame, drängt Euch eine Frage? Nur frisch heraus damit! Wünschet Ihr noch einen weiteren Trunk?“ ansprechen. Aber das ist ja das Schöne: man kann auch gerne wieder zurück zum Roland, zum kleinen Weihnachtsmarkt an der Unser Lieben Frauen Kirche und sich dort weiter gemütlich mit Glühwein zuschütten.

Wenn es dann sogar noch schneit und die Dächer des Doms, des Rathauses und der tollen anderen Gebäude in der Bremer Altstadt weiß gepudert werden, dann bin ich wie jedes Jahr verzaubert und auch dieses Jahr werde ich dort stehen und mir denken: gut, dass ich wieder hier bin.

Ich sollte die Werbung im Glaskasten überkleben mit dem Slogan:

„Bleib hier in Bremen. Etwas Besseres als diesen Weihnachtsmarkt findest Du nämlich nicht überall.“ *

*frei nach den Gebrüder Grimm: Die Bremer Stadtmusikanten

 

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Frostration

„Ich habe heute gehört, dass es in diesem Jahr einen extrem knackig-kalten Winter geben wird,“ sagte der Bagelmann, als ich gestern Abend bibbernd vor Kälte nach Hause kam. Ich schaute ihn kurz an. „Bis zu -40°C!“ Ich blinzelte. „Okeeeee…..“ murmelte ich und schaute ihn weiter erwartungsvoll an. Es erschloss sich mir noch nicht, worauf er hinaus wollte. Mir war gestern kalt, weil ich es bisher versäumt hatte, meine Winterjacke herauszusuchen. War ja auch bis vor Kurzem noch immer schick muckelig warm und mein Funktions-Übergangsmantel hatte, wie der Name sagt, bisher prima funktioniert. Ich war also mit dem Gedanken nach Hause gekommen, abends noch schnell die dicke Jacke herauszupulen, bevor wir alles in Umzugskartons packen und ich weiterfrieren müsste, weil irgendwann niemand mehr sagen könnte, in welchem der 65 Kartons die Wintersachen eingetuppert worden sind.

Wir ziehen nämlich in drei Wochen aus unserer Wohnung in eine grössere um. Die Zeit der Umzugskistenwände beginnt wieder. Das Kind vom Bagelmann freut sich schon darauf. „Juchu! Verstecken spielen!“ Wir Erwachsenen freuen uns nicht so sehr darauf. Der Bagelmann freut sich gerade über etwas anderes.

„Zum Glück haben wir bald einen Kamin.“ Ich blinzelte wieder. „Aha,“ meinte ich. „Was machst Du Dir bloß für Gedanken? Hast Du Angst davor, dass wir erfrieren?“ „Zu viele Katastrophenfilme gesehen.“ murmelte mein Bagelmann. „Ich habe keine Angst, aber mit Kamin ist man dann in solchen Fällen noch besser vorbereitet und kann noch besser für den Ernstfall vorsorgen.“

Ich resignierte. Oh je, dachte ich, und vor meinem geistigen Auge sah ich, wie sich unsere neue Traumwohnung nach und nach in die Bremer Katastrophenleitstelle für extreme Winter inklusive eines Notfall-Evakuierungslager verwandelte. Mit 20.000 Litern Frischwasser im Keller, 150 Dosen Kidneybohnen, 200 Säcken Cornflakes und Haferflocken, rauen Mengen an Margarine und Keksen. Schokolade natürlich auch. Eine Batterie an Batterien und Notstromaggregaten, wo auch das Auge hinschaut. Alte Bundeswehrdecken und Nahrungsergänzungsmittel in Form von Vitaminentabletten rundeten das Bild ab. Der Bagelmann kann nämlich, wenn er will, ziemlich gut planen. Und in Sachen Vorratsbeschaffung und mal eben eine redundante Stromversorgung aus einer Büroklammer, einer alten Klorolle und einem Stückchen Hühnerdraht basteln, da ist er ganz groß drin.

Ich liebe ihn dafür. Seiner Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Er hält alles für möglich und wenn das Bagelmannkind kommt und gerne das komplette Ewokdorf von Lego bauen möchte, obwohl wir das Legoset nicht haben, dann wird es halt aus Bordmitteln nachgebaut. Und sieht dann im Endeffekt tausendmal besser aus. Und ist natürlich noch viel origineller als das Original. Das versteht sich von selbst.

Leider halte ich auch alles für möglich und vor allem für wahr und in diesem Fall war ich komplett irritiert und war fest davon überzeugt, dass er das Gesagte auch wirklich so meinte. Ich kann oft nicht unterscheiden zwischen ernstgemeintem und eher scherzhaftem Geplänkel. Gerade wenn ich mit meinen Gedanken ganz woanders bin. Dann möchte ich aber trotzdem erfassen, was der andere mir mitteilt und strenge mich an, in dem Gesagten einen Sinn zu sehen, auch wenn ich es den Worten nach noch nicht erkennen kann. Ich strenge mich an. Zu sehr. Dann kann es passieren, dass ich noch unlockerer werde als ich eh schon immer bin und die Situation zu kippen beginnt.

Das frustriert mich. Sehr sogar. Wie gerne würde ich einfach mal etwas hören, ohne es gleich eintüten zu wollen, zu bewerten, immer einen tieferen Sinn darin sehen zu wollen. Ich bin dann so hilflos und werde auch leicht ärgerlich, weil ich die Problematik gar nicht verstehe und mir grade nicht vorstellen kann, dass man ernsthaft über eine Katastrophe nachdenkt, die eventuell so gar nicht eintrifft. Aber da es ja mein geliebter Bagelmann ist der zu mir spricht, will ich natürlich auch nicht, dass er mit seinen Sorgen und dem Problem des drohenden Kältekollapses alleine bleibt. Trotzdem verfährt sich die Situation komplett.

„Ich fange erst an, mir Gedanken über so was zu machen, wenn die Situation da ist,“ motze ich also irgendwann. „Was soll ich mich jetzt schon sorgen, wenn ich noch gar nicht weiß, in welcher Kuhle Deutschlands diese Rekordminustemperaturen gemessen werden?“ fügte ich noch hinzu. Und dann fange ich auch noch vor lauter Frustration an zu weinen. Wie schön wäre mein Leben mit etwas weniger Ernsthaftigkeit. Meine Mutti hatte das immer schon zu mir gesagt: „Mäuschen, Du nimmst das alles viel zu ernst.“ Ach Mutti.

Es wäre toll, wenn mein Ironiedetektor nicht nur an besonders guten Tagen funktionieren würde. Wenn ich einfach mal mehr die Haltung an den Tag legen würde, die da heißt: I don’t give a sh***. Jedenfalls nicht jetzt. Oder nicht immer gleich und unmittelbar. Nicht sofort. Später vielleicht. Wenn sich die Situation ggfs. wiederholen würde oder der Bagelmann vielleicht nächste Woche schon anfängt, eine LKW-Ladung voll Brennholz vor die neue Wohnung zu kippen. DANN wäre der richtige Zeitpunkt. Gestern hätte ein Lächeln genügt und ein „Aha, mhmm….soso.“ Boah, da muss ich wirklich noch dran arbeiten, selbst beim Schreiben denke ich innerlich „Aber, aber, aber.“ Nein, kein aber. Punkt. Aus. Schluss. Gelassenheit.

Winter is coming. Ziehen wir uns warm an.

 

Seelenreis

Gestern Abend musste ich weinen.

Nicht, dass das bei mir etwas Ungewöhnliches wäre, bin ich ja sowieso ziemlich nah am Wasser gebaut (oder nah an der Keksdose wie der Bagelmann immer so schön sagt). Ich heule sogar ganz schön oft. Zur Zeit wegen der Anspannung, der ständigen Müdigkeit, dem Stress, der knappen Zeit für die schönen Dinge des Lebens um nur einiges zu nennen. Der Grund weshalb mir gestern die Keksdose aufging war aber ein anderer, nämlich ein Schüsselchen voll Reis.

Ich kam am gestrigen Montag nach einem wieder einmal viel zu kurzen Wochenende und einem langen 14-stündigen Arbeitstag nach Hause und war fertig mit der Welt. Meine Füße waren rund, der Magen war leer, der Kopf müde und das Herz schwer. Ichmagnichtmehrpendeln. Aber das ist ein anderes Thema. Ich machte mir ein bisschen Reis warm, schnibbelte ein paar Käsewürfelchen hinein und vollendete das Seelenessen mit ein wenig Butter und ein paar Spritzer Maggi. Während ich aß, sagte ich zum Bagelmann, wenn die Welt mal wieder nicht in Ordnung sei und er mich wieder fröhlich machen möchte, bräuchte er mir nur dieses Seelenessen zu kochen. Es müssen noch nicht mal die Käsewürfelchen sein, ein wenig Reis mit Butter und Maggi reichen und ich und meine Seele fühlen sich wieder gut und geborgen.

Während ich also meinen Reis löffelte, dachte ich darüber nach, wieso mir dieses Essen eigentlich ein Gefühl der Geborgenheit gibt. Und auf einmal fiel mir ein, dass meine Mutter mir immer Reis mit Maggi und einem ganz kleinen bisschen Butter gemacht hat, wenn ich mit einer Magenverstimmung krank war, was ziemlich oft der Fall gewesen ist. Zum Glück hatte meine Mutter eine gute Kinderärztin für uns, die ihr eine gute Ratgeberin und manchmal auch Seelsorgerin gewesen ist und ganz viel auf alte Hausmittel und pflanzliche Heilmittel geschworen hat, anstatt immer gleich auf Medikamente und Chemie zu gehen, und oft einfach auch mal auf pure Reduktion.

Durch diese Erinnerung kamen also gestern Abend bei mir die Tränen geschossen und machten den Reis noch ein wenig salziger. Meine Mutter war nämlich mir eine gute Ratgeberin und Lehrerin, auch wenn ich ganz oft mit ihr Streit hatte oder ihre Meinung einfach nicht hören wollte. Aber sie hat immer gut und außergewöhnlich für mich und meine Schwester gesorgt.

Es braucht keinen Tüdelkrams, kein Brimborium, keine großen Sachen, um eine schöne Erinnerung zu manifestieren. Reis und ein wenig Liebe und schon wird der Magen und die Seele wieder gesund.

 

American Cuisine

Ich weiß nicht was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin….

Ich habe eine neue Serien-Junkie-Serie, nach dem ich mir die wohl bekannteste TV-Arztserie nach der Schwarzwaldklinik in 12 frei veröffentlichten Staffeln sowie eine siebenstaffelige Anwaltsserie in einer für mich sensationellen Rekordzeit reingezogen habe. Die neue Serie heißt „Chef’s Table“ und ich wurde auf ganz ulkige Weise darauf aufmerksam. Vorletztes Wochenende, ich habe nach wie vor nicht genug vom Bahnfahren, sind der Bagelmann, das Bagelmannkind und ich auf meinen Wunsch hin nach Darmstadt gedüst um dort auf ein ganz entzückendes Festival zu gehen. Im Zug von Frankfurt nach Darmstadt saß ich neben einer jungen Frau, die ein Video guckte. Unverschämt wie man dann manchmal ist, glotzte ich ihr fast die Mattscheibe weg, aber auch nur aus dem Grund, weil ich bekannter Weise Kochen LIEBE und Backen sowieso und grade in dem Moment ein paar Hände in dem Video Teig geknetet haben und ich ganz fasziniert davon gewesen bin. Die junge Dame lächelte amüsiert und ich merkte dieses und entschuldigte mich für die Unverfrorenheit. Sie aber schob mir sogar noch das Display hin und meinte, dass ich ruhig mit gucken dürfte, das wäre eine ganz tolle Serie und wenn man Netflix hätte (ja natürlich haben wir!), würde sie die nur empfehlen.

Ich habe also letzte Woche mit der ersten Folge angefangen und war ganz hingerissen, ging es doch um einen Italienischen Chef aus Modena. Der hat nämlich mal eben die ganze Parmigiano Reggiano Ernte des Jahres 2012 mit einer sensationellen Geste in Form eines Rezeptes, welches dank guter Vermarktung um die Welt ging, gerettet, als ein Erdbeben die Region verwüstet hatte (klick und klick und klick). Das war ja schon mal ein toller Anfang und ich musste die Folge auch gleich meinem Bagelmann zeigen. Der fand das glaube ich auch ganz gut. Heute Morgen sah ich dann die zweite Folge über einen Amerikanischen Spitzenkoch, der viel auf Bio, Saisonal und vom Acker direkt auf den Tisch macht. Ziemlich lustig finde ich seine aufgespießten Möhrchen und Rübchen, die man im Trailer der Serie sieht. Aber zurück zu dem was ich eigentlich schreiben wollte. Der Amerikanische Chef Dan Barber sagte in einer Szene, dass es in Amerika keine Kochkultur gäbe, keine „eigene“ Küche. Amerikaner sind ein Volk aus Immigranten bis auf die Native Americans natürlich, wobei die ja auch irgendwann mal irgendwoher gekommen sind, und es gab eigentlich nie die Notwendigkeit, einer eigenen American Cuisine. Es gab alles immer im Überfluss und man konnte, anstatt sich zu überlegen, wie sich alle Fleischstücke eines Tieres verwerten ließen, jeden Tag ein fettes Steak essen, baute auch bei der Gemüsezucht nicht auf Vielfalt. American Cuisine ist bis dato gekennzeichnet von mittelmäßige Zutaten in großen Mengen. So weit so gut.

Des Chefs Fazit war, dass großartige Küchen meistens aus der Not heraus entstanden sind, man musste mit dem haushalten, was da war. Weniger wird dann mehr, jedenfalls gemessen an der Vielfältigkeit. Auf wie viele Arten kann man eine Zucchini servieren? (Das war jetzt mein kruder Vorschlag). Das spornt die Kreativität an, macht hingebungsvoll, man muss sich immer neu erfinden, neu kreieren, zaubern. Sich und etwas entwickeln.

Ich habe aus Gründen heute nicht gut geschlafen. Ich bin traurig. Tatsächlich auch aus Gründen. Einer der Gründe ist aber natürlich das Wahlergebnis von gestern Abend, mannometer, zwölfkommairgendwas Prozent der Bevölkerung sind wohl irgendwann mal mit dem Klammerbeutel gepudert worden. Irgendwie schwirrt mir aber dieser Gedanke des American Chefs im Kopf herum: aus der Not heraus entwickeln sich neue Ideen, Konzepte. Sogar ganze Küchenkulturen. Warum sollte das jetzt nicht die große Herausforderung für unsere bisher so einigermaßen lupenreine (ich weiß, einige werden das anders sehen) Demokratie sein, ganz neu denken zu müssen! Denn ein weiter so, GroKo, geht jetzt nicht mehr. Und das ist auch gewissermaßen gut so. Eine neue Oppositionspartei ist da, die jedem auf den Nerv geht, aber hoffentlich gut in Schach gehalten werden kann, durch gute Oppositions- und Regierungsarbeit. Wenn Sie sich nicht bald selbst sabotiert und demontiert, wie in einigen Länderparlamenten bereits geschehen. Nicht mehr satt sein, liebe etablierte Parteien, von dem was ihr habt. Von dem was immer da gewesen ist. Nein, seid kreativ. Macht was aus der Herausforderung, dass Euch da eine nichtdemokratische Partei Eure Sitze im Bundestag weggenommen hat. Etwas vom Kuchen stibitzt hat, mit Bauernfängerei, Lügen und Weltanschauungsgrößenwahnherumgekotze und Braunkackmist. Ihr müsst jetzt mit dem haushalten, was da ist. Nehmt diese Situation an, denkt über die AfD, dass sie das Unkraut in Eurem Gemüsegärtchen ist und keine weitere Zutat in unserer Parlmentssuppe. Aber wir alle müssen jetzt mehr denn je aus dem Vorhandenen eine Tugend machen. Noch besser, noch demokratischer werden. Und Das, liebe Bundesregierung ist mein Auftrag an Euch! Nouvelle Berlin! Oder Nuova Cucina Berlin!

Ich habe übrigens noch ein Gedicht gefunden. Warum es so ist, wie es ist und vor allem immer noch oder schon wieder bei einigen Menschen der pure Hass regieren will? Ich weiß es nicht……aber auch das hat mich heute sehr berührt. Ich beginne und Ende also mit Heinrich Heine.

„Aber wir verstehen uns bass,
Wir Germanen auf den Hass.
Aus Gemütes Tiefen quillt er,
Deutscher Hass! Doch riesig schwillt er,
Und mit seinem Gifte füllt er
Schier das Heidelberger Faß.“

Spread Love.

PS: das Titelbild ist urheberrechtlich geschützt. Ich hoffe, ich durfte es trotzdem verwenden, liebe Muppets.

Brotdosenliebe, Mailand und ein Riesenrad

Ich hätte heute Morgen doch den Bio-Apfel annehmen sollen, den mir eine freundliche Politikerin der Grünen-Fraktion in Bremen auf dem Bahnhofsplatz hingehalten hat. Kurz vorher hatte ich schon den Kaffee abgelehnt, den mir die Spitzenkandidatin der Bremischen CDU aus einem in frischem Orange daherkommenden Pappbecher angeboten hatte. „Ich bin doch bestens versorgt“, dachte ich bei mir, während ich freundlich lächelnd und verneinend kopfschüttelnd slalomlaufend meinen Weg durch die Wahlkampfstände bahnte. Ich bekomme jeden Morgen seit nunmehr schon 7 Monaten eine, von meinem Bagelmann, liebe- und phantasievoll gepackte Brotdose nebst einem Pott Kaffee mit auf den langen Arbeitsweg nach Hamburg. Und neben dem unvermeidlichen Kaffee und der Stulle gibt es immer entweder Minitomaten, Gurke oder Möhre und einen frisch geschnippelten Apfel.

Heute war alles anders. Als ich meine Brotdose öffnete sah ich, dass ich heute Paprikaschnitze mitbekommen hatte und musste lachen. Der „grüne“ Bio-Apfel hätte also prima gepasst. Der CDU Kaffee aus Einwegbechern nach wie vor nicht. Das hätte ich mal adressieren sollen. „Nein danke, ich steh‘ auf Mehrweg!“.  Ich saß heute auch nicht wie sonst im Großraumwaggon des IC von Bremen nach Hamburg, sondern in einem ganz leeren Abteil. Nur für mich alleine, dachte ich und biss herzhaft in mein Käsebrot. Während ich so das Brot in meinen Mund schob, machte sich draußen eine Dame an der Tür zu schaffen. „Darf ich mich noch zu Ihnen setzen?“ fragte sie fröhlich und ich, mit vollen Backen und einem freundlichen Lächeln, sagte „Abbanampfsbürlich“. Sie verstand, bugsierte sich und ihre überdimensionale Reisetasche in das Abteil und stutzte kurz. „Sagen Sie, sind Sie zufällig vorgestern auch mit diesem Zug gefahren?“

Ich nickte und meinte, ob sie mich an meiner Brotdose erkannt hätte, ich hätte ihrem Platz im Gang gegenüber gesessen und sie anhand ihres auffällig hübschen Mantels auch wiedererkannt. Sie lachte wieder und sagte, ja genau. Die Brotdose hätte sie am Mittwoch schon so niedlich und auch ungewöhnlich gefunden. Wie amüsant, Brotdose und Mantel als Wiedererkennungswert. Kommt ja nun auch nicht so oft vor. Es entspann sich ein kurzweiliges und auch anregendes Gespräch über das Pendeln, was wir beide beruflich so machen und wohin ihre Reise ging. Sie ist nämlich keine regelmäßige Pendlerin, die Koinzidenz zwei Mal in der selben Woche nach Hamburg zu reisen und dabei auch noch auf mich zu treffen war wirklich nur rein zufällig. Heute ist sie nach Mailand geflogen, ein alljährliches Ritual wie sie meinte, sie besucht dort zusammen mit ihrer Schwester und noch einer Freundin ihren Bruder, der dort nun schon seit 9 Jahren lebt. Über mein schwärmerisches Entzücken bezüglich Mailands, meiner Zeit als Au-Pair die ich dort verbringen durfte, ihrer Zeit als Au-Pair in Verona kamen wir auch ein wenig auf Politik zu sprechen und auf die anstehenden Bundestagswahlen in drei Tagen. Ich erzählte ihr von meiner Apfel- und Kaffeeverweigerung und sie steckte mir, dass mir da nicht „irgendwer“ was Gutes tun wollte, sondern tatsächlich wie oben beschrieben die Fraktionsvorsitzenden beider Parteien.

In Mailand sei übrigens gerade die Fashionweek, ergänzte sie noch ihre vorfreudige Erzählung auf das Geschwisterwochenende. Sie würde es auch mittlerweile lustig finden, immer auf Anna Wintour zu treffen, wenn die Mailänder Fashionweek mit dem Besuchswochenende zusammenfällt. Ok, sagte ich. Das sei eine Persönlichkeit, die selbst ICH wiedererkennen würde, wenn ich sie zufällig mal irgendwo auf der Straße treffen würde. Ansonsten bin ich ja eher nicht so Staraffin und übersehe auch schon mal gerne, wie früher passiert, die Fußball Stars von Werder Bremen, selbst wenn sie auf der von mir mit bewohnten Dachterrasse neben mir stehen.

Wir sprachen auch über das bedingungslose Grundeinkommen, über gemeinnützige Arbeit, über freiwillige Wahlhilfe und auch schon wieder über die von mir gestern gestellte Sonntagsfrage. Genauso wie ich ist sie zwar auch ein Fan von Vereinfachung und andere Wege wagen, aber ebenso nostalgisch was den Spaziergang zum Wahllokal angeht. „Ich schaue auch gerne mal den Menschen, die für mich dort vor Ort sind und arbeiten und das ganz freiwillig in die Augen und möchte mich bei ihnen bedanken, dass sie ihrer Bürgerpflicht nachkommen. Außerdem ist es so schön, dort auch ein kleines Schwätzchen mit den Nachbarn oder Bekannten zu halten.“

In einem Nebensatz ließ sie noch fallen, dass sie der Religionsgemeinschaft der Bahai angehöre. Ich erwiderte, dass ich mich jetzt outen müsste, noch nie von dieser Religion gehört zu haben und dass es mir schon etwas peinlich sei. Sie lachte wieder und meinte, dass das eher der Standard ist, diese Religion nicht zu kennen als sie zu kennen, insofern wäre ich nicht alleine. Aber jetzt habe ich ja davon gehört, sagte ich und werde mich sicherlich einmal darüber informieren. Als wir in Hamburg ankamen, wünschte ich ihr noch „Buon Divertimento“ und wir stiegen aus dem Zug.

Heute hatte ich auf meiner Facebook Timeline einen Spruch, den ich sogleich teilen musste: „Liebe Dein Leben! Fotografiere wirklich alles. Sage den Menschen, dass Du sie liebst. Sprich mit Fremden! Tue Dinge, vor denen Du Dich fürchtest. (…) Nimm Dein Leben und mache daraus das Beste. Vergeude es nicht!“

Drei Dinge habe ich davon heute schon gemacht: Fotografiert, dem Bagelmann gesagt, dass ich ihn liebe und mich mit einer Fremden unterhalten. Ich würde jetzt sogar Riesenrad fahren, wenn wir in Hamburg Dom hätten. Achterbahn traue ich mich noch nicht. Egal.

Live. Laugh. Love.

Eine Sonntagsfrage

Meine Gedanken zum Thema Wahlbeteiligung und der „Sonntagsfrage“

Inspiriert durch den Facebook Post meiner Freundin Julia die sich und uns fragte, warum plötzlich alle Welt in Deutschland nur noch Briefwahl macht und nicht mehr am Wahltag ins Wahllokal pilgern würde, habe ich mich gefragt, ob mit einer höheren Wahlbeteiligung in Deutschland zu rechnen wäre, wenn die Wahlen z.B. wochentags und nicht an einem Sonntag stattfänden und auch nicht ortsgebunden sind. Wenn man es den Bürgern noch leichter machen würde, wählen zu gehen, wären wir dann auch bald bei Durchschnittswerten von mindestens 75-80% Wahlbeteiligung? Bei JEDER Wahl? In Holland lag die Wahlbeteiligung bei der letzten Parlamentswahl im März 2017 bei über 80% und damit wurde verhindert, dass die Rechtspopulisten doch nicht so gut abgeschnitten haben wie noch kurz vor der Wahl prognostiziert. Ob das mit daran liegt, dass die Wahlen dort immer mittwochs stattfinden und man fast überall wählen kann? In anderen Ländern kann man auch per E-Voting wählen und sich bis drei Tage vor der Wahl immer noch mal umentscheiden. Ist das klug?

Ich habe hier ein wenig Lesestoff zusammen gesammelt, mit für mich wichtigen Erkenntnissen. Der erste Link  ist wichtig, weil er im Ergebnis zeigt, dass es möglich ist, auch in Deutschland, Parteien wie der AfD trotz prognostizierten Höhenflügen einen demokratischen Dämpfer zu verpassen. Der zweite Link ist die Erklärung, warum in den Niederlanden immer mittwochs gewählt wird.

Und hier kommt der Link zu einem kleinen Fazit (hier ein Auszug):

„Wer im Sinken der Wahlbeteiligung ein Problem sieht, sollte also weniger über technische Reformansätze, sondern mehr auf politische Inhalte, Kandidaten, Beteiligungsformen auch zwischen den Wahlen und Leistungsfähigkeit der politischen Institutionen setzen. Natürlich spielt auch die Verständlichkeit des Wahlverfahrens eine wichtige Rolle. Wenn nur noch eine Handvoll Rechtsgelehrter versteht, wie aus Stimmen Bundestagsmandate werden, trägt dies nicht notwendigerweise zu mehr Wahlbeteiligung bei. Lebendige Parteien, überzeugende Inhalte und Kandidaten, denen die Mehrheit der Wähler zutraut, die Geschicke des Landes zum Wohle vieler zu lenken sowie demokratisch legitimierte Institutionen, die Probleme lösen, stärken das Vertrauen der Bürger in die Politik. Insofern kann hier auch ein Schlüssel zur Steigerung von Wahlbeteiligung liegen.“   Macht mit.

 

 

Mayonnaise, der Untergang des Abendlandes

Pommes Frites ohne Mayo ist wie ein Kuss ohne Bart.

Obwohl ich leider niemanden kenne, der mir diese ohne-Bart-kein-Kuss-Binsenweisheit je gesagt haben könnte, in Ermangelung einer oder mehrerer Omas die mich in Binsenweisheiten hätten sozialisieren können, finde ich den Satz, den ich wahrscheinlich in irgendeinem Roman mal aufgepickt habe, total toll. Bücher haben mich sozialisiert, wenn nicht sogar stabilisiert. Ich sollte wieder mehr lesen. Aber zurück zum Kuss und zum Bart. Zum Glück trägt der Bagelman einen selbigen und das macht unsere Knutscherei also umso wertvoller. Dass wir zwei an unsere Pommes Frites am Liebsten Mayonnaise lassen und keinen Ketchup ist dann das letzte i-Tüpfelchen auf dem ganz kleinen großen Glück der Nebensächlichkeiten.

Ich liebe Mayonnaise. Was nicht heißen soll, dass ich sie täglich und in rauen Mengen konsumiere, aber wenn es irgendwo einen Nudelsalat oder Kartoffelsalat mit Mayo gibt, dann bin ich im siebten Himmel. Klar, es gibt auch total tolle andere Nudelsalatrezepte, ohne Mayo. Und bei Kartoffelsalat stehe ich manchmal sogar fast eher auf diesen Steierischen Erdäpfel-Vogerlsalat mit Kürbiskern-Öl oder den Badischen Kartoffelsalat mit Essig-Öl, aber bloß nicht diesen mit Speck! Es gibt sicherlich Gourmets, die Mayonnaise für den baldigen Untergang des Abendlandes verantwortlich machen (ich glaube, meine neuen Schwiegereltern in Spanien zum Beispiel. Als wir bei unserem Besuch dieses Jahr von ihnen in eine der besten Tapas-Buden Valencias geschleppt wurden, habe ich es gewagt mir Tintenfisch in Mayonnaisepampe zu bestellen, ich konnte nicht anders. Und ich fand es himmlisch! Ich habe versucht, mich damit herauszureden, dass der Koch mir diese Tapa sehr empfohlen hat, aber ich erntete trotzdem eine hochgezogene Augenbraue und ein resigniertes Kopfschütteln. (Sie mögen mich trotzdem noch, glaube ich. Ich Euch auch!) In meinem Kühlschrank steht eigentlich immer ein Glas Miracle Whip Balance (oh je, Schleichwerbung) oder Sooo leicht oder wie die heißt, weil ich die für den Hausgebrauch am leckersten finde und wenn man ein paar Kalorien sparen kann, finde ich das gar nicht so schlecht. Aber eine ganz bestimmte Mayonnaise ist mir seit meiner Kindheit so sehr in mein Geschmacksknospenhirn gebrannt, wie keine andere: Die Mayo von Onkel Gürtlers Grill im EKZ Bergedorf-West, die er immer mit einer Kelle aus einem großen, runden 25l-Plastikeimer holte und mit Schwung auf die in einer-Woche-altem Frittieröl gebratenen Kartoffelklötzchen klatschte.

Das war eine Mayonnaise, wie sie jeder kennt der wie ich ein Kind der 70-er ist. Dick, fettig, säuerlich, geschmackvoll und man bekam fast augenblicklich Kopfschmerzen von den ganzen Konservierungsstoffen, die darin enthalten waren, Benzoesäure war Hauptbestandteil sozusagen. Aber zusammen mit den dunkelbraunen ausgebackenen Pommes, war sie das Feelgood-Essen meiner Kindheit. Wie ich schon oft beschrieben habe, war meine Mutter eine Küchengöttin die fast immer selbst gekocht hat und für die damals schon Fertigessen ein Graus gewesen ist. Daher gab es für mich total selten die Gelegenheit auf Imbissessen oder wie es heute so schön heißt, Fast-Food. Wenn ich mal ein paar Groschen übrig hatte von meinem Taschengeld, dann wurde das entweder bei der Bäckerei Erdmann in Süßigkeiten investiert („Ich hätte gerne für fünfzig Pfennig Süßigkeiten. Drei Schlümpfe, vier Cola-Flaschen, einen Brauselutscher und für den Rest Lakritztaler.“ Damals hießen die noch anders, aber ich lasse den ursprünglichen Begriff aus guten Gründen mal weg.) oder eben bei Gürtlers Imbiss. Bei Onkel Gürtler saß die Haute-Volée der Freizeittrinker, Kettenraucher, Rentner und Sparclub-Mitglieder aus Bergedorf-West. Wir Kinder kamen immer nur kurz rein, um unser Taschengeld auf den Kopf zu hauen. Manchmal waren da auch die Jugend-Fußballer von Bergedorf 85 und SV Be(rgedorf)-We(st) v. 1971, die sich nach dem Training noch eine Bratwurst holten. Ich weiß, dass ich damals froh gewesen bin, dort niemals auf meine Eltern zu treffen, was bei einigen meiner Freunde eher regelmäßig der Fall gewesen ist. Die Eltern saßen dann dort rauchender- und trinkenderweise den Feierabend einläutend. Ich fand das eher merkwürdig.

Vor ein paar Jahren fanden ein Freund von mir und ich heraus, dass es diese Mayonnaise immer noch gibt und dass sie, aus Versehen, sogar vegan ist. Er ist seitdem ich denken kann Vegetarier und lebt seit ein paar Jahren auch vegan. Das lustige ist, nur die Tubenware der Firma die diese Mayonnaise seit 90 Jahren herstellt ist vegan, in dem 2l- oder 8l-Eimer ist Milcheiweiß drin. Warum? Weil es geht.

Heute habe ich mir eine Miniportion Nudelsalat zu meinem grünen gemischten Salat gegönnt. Als Dressingersatz sozusagen und Geschmacksgeber. Wenn Salat, dann unbedingt mit Dressing und ja ich weiß dass ich mir für die Kalorien aus dem Dressing auch ein Schnitzel hätte reinkloppen können. Ich mag nun mal aber Salat und Gemüse und das möglichst frisch. Die Mayonnaise in dem Nudelsalat jedenfalls schmeckte genauso wie die von damals und war in der Konsistenz derer auch ebenbürtig. Whop-Whop-Whop. Leider geil!

 

Eine Körpergeschichte

„Sie haben schöne Augenbrauen.“

Dieser Satz, aus dem Mund meiner Kosmetikerin, hat mich einigermaßen amüsiert. Nicht, weil es so komisch ist, dass jemand denken könnte, ich hätte schöne Augenbrauen. Ganz im Gegenteil, man hört ja wirklich immer gerne zu, wenn andere etwas schön finden am Körper des anderen. Ich habe mein Leben lang schon Komplimente für meine Augen bekommen, so strahlend, so blau, so toll und überhaupt. Das ist nix Neues, natürlich immer noch schön zu hören, aber tatsächlich habe ich noch nie gehört, dass meine Augenbrauen schön sind. Meine Eigenwahrnehmung ist auch eher gegenteilig, ich ärgere mich des Öfteren über sie, weil sie an den Außenrändern so dünn und immer hellblond sind und ich sie deswegen auch immer färben muss. Eher fand ich sie auch immer zu…äh…natürlich. Also Wildwuchs, statt Pinselstrich. „Ein Gesicht braucht einen schönen Rahmen. Und das sind die Augenbrauen.“ sage mir mal eine gute Freundin.

Daher lasse seit ein paar Jahren auch regelmäßig einen Profi ran, um dem Bogen in der 1. Etage über der strahlendblauen Iris eine hübsche Form zu geben. Ich kann nämlich nicht gut zupfen. Wenn ich mal anfange die feinen Härchen ausmerzen zu wollen, sieht das am Ende gar nicht mehr symmetrisch aus und statt wohlgeformter Brauen habe ich höchstens welche mit „Löchern“. Man muss ja aber auch nicht alles können. Jedenfalls hat mich die Feststellung meiner Kosmetikerin auch deshalb so amüsiert, weil wenn mir jemals ein Tüpp das als Kompliment gemacht hätte, ich ihn im besten Fall verständnislos angeguckt und im schlimmsten Fall bestimmt eine geboxt hätte. Oder vom Hof gejagt. „Madame, Sie haben so schöne Augenbrauen.“ „Ach, lass mal gut sein.“

Als ich vor einigen Tagen von der Blogparade von Madame Flamusse zum Thema „Mein Körper und ich“ las (tatsächlich sind es jetzt schon Wochen und ich glaube, ich bin schon fast zu spät mit meiner Geschichte) war ich sofort in Gedanken dabei, meine Erfahrungen mit mir, mir selbst und ich aufzuschreiben und wusste, dass ich meine Geschichte mit dieser Anekdote beginnen wollte. Madame Flamusse bat mich, den Schwerpunkt meiner Geschichte nicht zu sehr auf „die Personenwaage und ich“ zu legen, da dieses bereits in den ersten Artikeln beschrieben wurde. Normalerweise drehen sich meine Gedanken tatsächlich bei dem Thema Körper sehr oft um meinen nun schon fast 40 Jahre andauernden Kampf mit der Dickleibigkeit. Aber das Thema mit der Personenwaage habe ich zur Zeit auf Eis gelegt. Es gibt einen Grund, warum ich nie auf natürliche Weise einen BMI-Wert von 22 bis 25 haben werde, sondern maximal mit viel Sport und peniblem Vermeiden jeglicher Genussmittel wie Rotwein, Schokolade und sonstigem leckeren Essen auch nur marginal in die Nähe eines solchen Traumwertes komme. Und dieser Grund ist mir immer noch unbekannt oder stark verschleiert. Also lasse ich es momentan einfach so, wie es ist. Oder vielmehr, ich bin so wie ich bin.

Tatsächlich möchte ich von mir, meinem Körper und dem Älterwerden schreiben.

Ich werde in zwei Monaten 46 Jahre alt und fühlte mich bisher fast immer topfit. Vor ca. drei Jahren war das Gefühl sogar noch präsenter, als ich beeinflusst und unterstützt durch eine alte Schulfreundin mit dem leichten und langsamen Joggen anfing. Zu der Zeit fand auch ungefähr ein Gespräch mit einem ebenfalls alten Schulfreund von mir statt, der immer extrem supersportlich und aktiv gewesen ist, aber nun schon seit Jahren unter Rückenschmerzen litt. Keine sportliche Betätigung, kein Ausgleich wie Yoga oder Qi-Gong konnte ihm helfen, es war wie verhext. Er meinte irgendwann lakonisch „Ja, ja, das Alter“ und ich schaute ihn ungläubig an. Ich wollte es nicht wahrhaben, dass wir mit Anfang 40 schon alt sein könnten und vor allem er als Mr. Supersportler könne doch jetzt nicht schon davon sprechen, dass sich unser Körper am Abbauen befindet und wir uns jetzt darauf einstellen müssten, nicht mehr alles so flugs und geschmeidig zu machen, wie mit Anfang 20. Meine körperlichen Einschränkungen über meine gesamte bisherige Lebenszeit beliefen sich auf hin und wieder mal Schmerzen des Meniskus, welcher auf Grund von „zu oft als Kind mit Discorollern auf den Asphalt geknallt“ angerissen ist und einer (ich meine) angeborenen Lendenwirbelverknöcherung, die mir gerne mal sehr schmerzliche Hexenschüsse verursacht hat. Aber ansonsten kann ich keinen einzigen Knochenbruch mein Eigen nennen, wenn man von dem mindestens fünf Mal pro Fuß gebrochenen kleinen Zeh absieht, ich kann an fast keinem Stuhl- oder Tischbein vorbeigehen ohne meine Zehen rumzuwickeln, noch nennenswerte Sehnen- oder Bänderschäden. Ich war also zu der Zeit noch einigermaßen gut in Schuss.

Jetzt beginnt es aber so langsam, dass ich merke, wie mein Körper abbaut. Leider nicht an der unvermeidlichen Fettschicht am Bauch. Aber insgesamt gibt es ein paar Stellen die auf einmal, über Nacht sozusagen, anfangen zu zwicken, wo vorher nüscht gezwickt hat. Und ich wehre mich, zumindest gedanklich, vehement dagegen, dass es jetzt nur noch bergab gehen soll. Mein rechter großer Zeh und mein linker Zeigefinger haben sich gegen mich verbrüdert und schmerzen beim Beugen. Ich bin erblich stark vorbelastet an Rheuma zu erkranken. Nun gut. Solange es erstmal nur beim Zwicken bleibt, kann ich damit leben. Dann kommen aber auf einmal auch andere Symptome des Alterns hinzu. Die Falten und Fältchen im Gesicht zum Beispiel, die sich ebenso wie das Zwicken und Zwacken wirklich noch in Grenzen halten, habe ich von meiner Mutter eben nicht nur das Rheuma sondern auch die eher fettige Gesichtshaut geerbt, die mich vor allzu starker Faltenbildung höchstwahrscheinlich bis ins hoffentlich sehr hohe Alter schützt. Dann entdeckte ich vor ein paar Wochen ein einzelnes weißes Haar in meinen zur Zeit wieder naturfarbenen, straßenköterblonden Haaren. Bereits seit ein paar Jahren habe ich hin und wieder am Nasenwurzelansatz und auch nur in der rechten Augenbraue ein oder zwei weiße Härchen, die ich immer mit Entsetzen sofort selbst auszupfe. Ich merke auch, dass wenn ich mich bei Freiluftveranstaltungen wie einem Picknick oder einem Konzert auf den Boden setze, nicht mehr so einfach und gelenkig wieder hochkomme, wie vor ein paar Jahren noch.

Neben diesen ganzen erschreckenden ersten Anzeichen körperlichen Verfalls kommen ebenso urplötzlich noch die Kommentare der Umwelt hinzu. Wenn ich von jüngeren Personen mit „Sie“ angesprochen werde, obwohl wir beide gerade halb angetrunken am Bierstand eines Festivals stehen oder in der Schlang vor den Dixi Toiletten, dann bin ich ernsthaft empört. Bin ich….sehe ich etwa schon so alt aus? Anscheinend schon. Aber, ganz ehrlich? Es ist mir zwar nicht egal, aber ich falle jetzt auch nicht in ein Loch und befinde mich auch in keinem Jammertal. Es ist einzig und allein ein merkwürdiges Gefühl, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen ohne sich gleichzeitig in die Geriatrie einweisen zu lassen.

Meine Kosmetikerin hat mir beim letzten Mal nicht nur das Kompliment mit den schönen Augenbrauen gemacht. Sie sprach irgendwann auch von „Ihre Haut braucht jetzt im Alter die Pflege XYZ.“ Ich musste schlucken. Bis vor Kurzem habe ich mir immer noch im Drogeriemarkt die Pflege für „zu Unreinheiten neigende, jugendliche Haut“ gekauft. Ab jetzt ist es die Hyaluron-Anti-Falten-Pflege.

„Älterwerden ist nix für Feiglinge, mein Mäuschen“ sagte meine Mutti immer zu mir. Ab sofort weiß ich, was sie damit gemeint hat.

Postscriptum: Ich bin niemand, der sich bisher viel mit eigenen Gebrechen oder Krankheiten auseinandersetzen musste, mit denen anderer Menschen schon. Ich bin glücklich, bisher von bösen Krankheiten verschont worden zu sein. Ich habe großen Respekt vor Menschen die ein unwiderrufliches Schicksal in Form schwerer Krankheiten oder chronischer Erkrankungen erleiden müssen. Ich merke beim Schreiben dieses eher humorvoll auf den Lauf des Lebens blickenden Textes, wie froh ich sein kann, immer noch gesund in meinem für mich (fast) perfekten Körper zu sein, trotz eines BMI Wertes von 31 und unreiner Gesichtshaut. Und diese Erkenntnis fühlt sich wirklich gut an.

Danke!

Keine Luft für niemand

Ich muss ruhiger werden!

Hopsi (mein heißgeliebte Faltrad) und ich fahren ja nun schon seit gut 3 Monaten täglich von Bremen-Horn zum Bremer Hauptbahnhof und dann weiter im IC oder Metronom nach Hamburg und zurück. Das bringt gut Kilometer auf den Tacho und ich hoffe, weniger Speck auf den Hüften. Letzteres ist momentan leider noch nicht der Fall. Ich esse einfach viel zu gerne. Und trinke Rotwein. Auch viel zu gerne. Istjaaberauchlecker. Hopsi braucht nicht so viel um glücklich zu sein, hin und wieder mal die Bremsen nachziehen, die Gangschaltung muss vielleicht auch noch mal wieder eingestellt werden, das braucht ja immer so eine Zeit bis das fabrikneue Gefährt so richtig auf einen eingefahren und eingestellt ist. Hin und wieder müssen die Reifen aufgepumpt werden, aber ansonsten ist es das auch schon.

Der Bagelmann, der Hopsi ausleiht wenn wir zu zweit oder zu dritt am Wochenende eine Radtour machen, hat dann auch schon mal, Gentleman wie er nun mal ist, an der Tankstelle unseres Vertrauens die Räder aufgepumpt, natürlich nicht ohne dass ich es strengstens überwacht und meinen Senf dazu gegeben habe. Ist doch auch aufregend, mein erstes Fahrrad mit Autoreifenventilen. Davon habe ich fast 40 Jahre geträumt, obwohl ich erst seit ein paar Jahren endlich mal eine wirklich gute Luftpumpe für mein normales Fahrrad mein eigen nenne. Das Thema Luftpumpe wurde Zeit meines Lebens immer eher stiefmütterlich behandelt. Gab wichtigeres im Leben und irgendwie ist es ja auch meditativ, fünf Minuten vor dem Hinterrad zu knien und zu pumpen. Pfft, swirrrl, pfft, swirrrl, pfft, swirrl, pfft, swirrl, pfft….na? Schlaft Ihr schon?

Vor ein paar Tagen aber fühlte ich, dass Hopsi mal wieder neue Luft zum rollen brauchte, also fuhr ich an der Tankstelle, die auf meinem Nachhauseweg gleich kurz hinter dem Bremer Hauptbahnhof direkt am neugestalteten Kreisel liegt (Bremer wissen, was ich meine), vorbei. Es war schönes Wetter, ich war jung und voller guter Hoffnung. Leider war an dem Platz an dem Luft/Wasser normalerweise für jeden gratis zur Verfügung steht nichts zu finden, also machte ich mich auf den Weg in die Tankstelle um dort höflich nachzufragen. Ist ja manchmal so, dass die Tankstellenwarte die Luftpumpen und das Wischwasser nach drinnen stellen, besonders im Winter damit nichts gefriert, also bei Minustemperaturen. Da wir gerade August haben und die Temperatur selbst nachts nie unter 10°C fällt, schien mir diese Erklärung zwar etwas aus der Luft gegriffen, aber ich denke sowieso täglich so viel Mist zusammen, dass ich diesen Gedanken einfach wohlwollend mein Hirn durchlaufen ließ, ohne weiter darüber nachzudenken, ob es sinnhaft ist oder nicht.

Ich stolperte also noch behelmt und fröhlich in die Tankstelle und wendete mich an einen recht jungen Tankstellenwart (heißen die heute überhaupt noch so?) der sich gerade im Gespräch mit einem anderen, ebenfalls sehr jungen, aber dafür nicht so offiziell gekleideten, Herrn befand. Buddies, dachte mein Hirn und ich nickte. „Entschuldigen Sie, haben Sie Luft?“ sagte ich dann und fand diese spontane Formulierung selbst so witzig, dass ich über mich selbst schmunzelte und dieses Grinsen sich natürlich über mein ganzes Gesicht ausbreitete. Ich bin so leicht zu erheitern und ich lache leider viel zu oft über mich selbst und meine komischen Formulierungen und Gedanken. Oftmals nur alleine, aber hey, immerhin eine, die lacht.

Der junge Tankstellenwart guckte mich an und meinte sehr höflich: „Ja, haben wir, aber leider nur für Autofahrer.“ Da ich mit dieser Antwort überhaupt nicht gerechnet hatte, brauchte ich ein paar Sekunden und mein Gesichtsausdruck mäanderte von eben noch strahlend grinsend über leichtes Unverständnis andeutend hin bis zu völliger Fassungslosigkeit. „Äh,“ sagte ich zu Recht irritiert. „Das verstehe ich nicht.“ „Das kommt nicht von mir, aber mein Chef hat das als Anordnung gegeben, dass wir nur noch die Luftpumpe für Autofahrer bereitstellen.“ „Aber warum?“ flüsterte ich, völlig überrascht von dieser ungeheuren Willkür eines Tankstellenbesitzers gegen alle Fahrradfahrer und für die Automobilindustrie und die Erdölgesellschaften.

„Die Luftpumpen gehen leider immer wieder kaputt, weil die Radfahrer meinen jedes Fahrrad damit aufzupumpen, obwohl sie nicht die passenden Ventile dafür haben. Die versuchen das notfalls mit Gewalt und dann gehen die Luftpumpen kaputt. Tut mir leid.“ fügte er noch hinzu, wendete sich dann aber ziemlich schnell wieder seinem Buddy zu, der seiner Meinung nach schon viel zu lange hatte warten müssen. „Aber,“ trumpfte ich auf, „ich habe die passenden Ventile, um meine Fahrradreifen mit Autofahrerluftpumpen aufzupumpen!“ Aber ich wurde nicht mehr angehört.

„Sie sollten bedenken, dass die meisten Radfahrer auch Autofahrer sind!“ probierte ich noch einen letzten Versuch, den jungen Herrn mit der Boykott-Keule doch noch umzustimmen. Aber selbst darauf reagierte man nicht.

So abgeblitzt bin ich schon lange nicht mehr. Das war echt hart und ich wusste, ich habe verloren. Ich hätte mich auf den Fußboden schmeißen können und mit den Füßen in der Luft strampeln können, allein es hätte nichts genützt. Wo gute Argumente an blöden Anordnungen abglitschen wie Butter in einer heißen teflonbeschichteten Bratpfanne, da hilft es erst Recht nicht, sich zum Vollhorst zu machen. Ich ging also nach draußen, ohne dem Tankstellenwarte eine Szene zu machen, stieg auf mein treues Faltrad und fuhr die sieben Kilometer nach Hause. Während ich so vor mich hinstrampelte, überlegte ich mir meinen ganz persönlichen Rachefeldzug gegen den Tankstellenbesitzer, die Automobillobby und überhaupt, welche Transparente ich malen könnte, um auf diese himmelschreiende Ungerechtigkeit hinzuweisen. Ich dachte nach, welche unserer Bremer Freunde ich mobilisieren könnte, um mit mir Sitzblockaden vor den Tanksäulen zu veranstalten und welche Freunde aus Hamburg ich einfliegen lassen könnte. Nach sechs Kilometern waren alle Optionen durchdacht, ich hatte innerlich schon Beschwerdebriefe an den Tankstellenbesitzer, einen Leserbrief für den Weserkurier und eine Kolumne in der ADAC Zeitung formuliert. Kurz vor dem Einbiegen in unsere Straße hielt ich noch an der Tankstelle unseres Vertrauens an. Dort war die Luftpumpe noch draußen in ihrer Halterung und kein Tankstellenwart kam herausgestürmt als ich den Luftpumpenschnupsi auf mein Fahrradventil drückte und Hopsis Reifen wieder auf komfortable 4,5 bar brachte. Hier in Horn ist die Welt noch in Ordnung, dachte ich mir und begrub auf den letzten 250 Metern bis nach Hause alle Rachegelüste.

Ich muss wirklich ruhiger werden!

Alltagsgewächs

Wenn Blumen voll aufblühen ist alles schön, alles ist gut und bunt und herrlich frisch. Ich kaufe manchmal extra noch die geschlossenen Blumen, damit ich den Moment des Erblühens mitbekomme, das Naturspektakel hautnah erlebe. Dieses Zusammenspiel von Sein und Werden. Ein Balanceakt irgendwie. Genauso wie das Leben.

Zunächst ist alles frisch, knackig, geschlossen. Zaghaft öffnet sich die erste Knospe, man erahnt die Schönheit hinter den noch etwas farblosen Blättern. Man freut sich, man ist erregt. Immer mehr Blüten zeigen sich, man ist euphorisiert und möchte gar nicht aufhören immer wieder daran zu riechen, die Blüten zu liebkosen, diese Pracht zu bestaunen. Wenn dann der ganze Strauß erblüht ist, tanzt man voller Enthusiasmus um den Tisch herum, freut sich darüber, wie wunderbar doch dieses Leben ist, so herrlich diese Farben. Dieses Hochgefühlt hält für eine gewisse Zeit.

Man verhält sich sorgsam, ja man geht fast auf Zehenspitzen durch das Zimmer in dem der Blumenstrauß auf dem Tisch steht, voller Ehrfurcht und Liebe betrachtet man ihn und denkt sich immer wieder, wie schön er doch ist. Bisweilen fragt man sich, womit man diese Schönheit eigentlich verdient hat. Um nichts in der Welt möchte man den Blumenstrauß wieder hergeben.

Nach ein paar Tagen schon hat man sich an die Schönheit gewöhnt. Man ist nicht mehr übermütig sprudelnd, man freut sich still, wenn man zufällig am Tisch vorbeigeht und die Stängel aus der Vase lupfen. Die Aufmerksamkeit lässt nach. Man hat sich gewöhnt. Der Strauß ist nun fast schon alltäglich geworden. Immer noch ohne Frage gut anzusehen. Ein Stück Beständigkeit, für einen kurzen Moment.

Irgendwann aber beginnt man zu vergessen den Blumen frisches Wasser zu geben und die schon verblühten Knospen aus dem Strauß zu schneiden. Unachtsamkeit drängt sich in den Vordergrund. Man schaut nicht mehr ganz so sorgfältig darauf, dass alles ordentlich und hübsch ist. Dabei ist es gerade im Alltag so wichtig, die Hege und Pflege nicht zu vernachlässigen. Durch außergewöhnliche Belastungen und Ablenkungen verblassen die schönen Seiten des Lebens schnell und der täglichen Routine, sich sorgfältig um etwas zu kümmern, wird nicht mehr die nötige Aufmerksamkeit geschenkt.

Die Blumen verblühen, der Strauß wird unansehnlich und dann irgendwann weggeschmissen. Nichts hält ewig, das ist klar. Aber es ist ein Kreislauf, Dinge kommen und Dinge gehen. Und wenn der Blumenstrauß auf dem Tisch verblüht, sollte man Sorge tragen und ihn erneuern. Einfach des guten Gefühls wegen. Um wieder tanzen zu können.

Ich habe meine Blumenvase für eine lange Zeit verwaist stehen lassen. Ohne Blumen. Ohne Farben. Stress hat mich abstumpfen lassen gegenüber den Freuden des Alltags. Es gab für mich nur noch Probleme des Alltags, mein Farbfilm war plötzlich nur noch schwarz-weiß. Der Mangel an Zeit und Entspannung machte sich bemerkbar. Ich kam nicht mehr runter von meinem Trip, die Kohlezeichnungen meines Lebens nicht mehr zu kolorieren, sondern sie immer fetter mit schwarzen Strichen zu manifestieren, bis darauf nichts mehr zu erkennen war.

Es wird wieder Zeit für einen großen, bunten Blumenstrauß. Dieses ist ein Geschenk. Und ein Versprechen. Lasst uns Alltagsblumen pflücken und lernen, uns daran nicht sattsehen zu können. Jeden Tag.