Engage!

Wir Hamburger drehen ja momentan komplett durch. Das ist zwar an und für sich nichts Neues, sind wir ja monstermässig stolz auf unsere tolle Stadt und was wir so alles haben, Hafen, mehr Brücken als Venedig, den Michel, FC St. Pauli und die Reeperbahn, aber seitdem die Elbphilharmonie ihren Konzertbetrieb aufgenommen hat, sind wir ja alle noch stolzer auf unsere wunderschöne Stadt. In den sozialen Netzwerken wird man täglich überflutet mit Selfies von Freunden und Bekannten in oder vor der ElbPhi und alle rühmen sich damit, den erklärtermaßen weltbesten Konzertsaal als einer der ersten besucht zu haben. So schön so gut. Machichauchso! Ich bin nämlich eine totale Angeberin und brüste mich mit so ziemlich allem, was in meinem Leben passiert und von dem ich begeistert bin und binde es auch jedem der es hören oder lesen will auf die Nase.

Gestern waren der Bagelmann und ich in unserem zweiten elbphilharmonischen Konzert. Wir haben nämlich das große Glück im letzten Jahr zwei Mini-Abonnements „Elbphilharmonie für Einsteiger“ ergattert zu haben. War irgendwie gar nicht schwer, aber wenn ich mir den Hype ansehe der um die Tickets gemacht wird, dann fühle ich mich noch einmal mehr wie ein Glückspilz. Bisher habe ich nur davon gehört, dass alle Konzerte ausverkauft sind. Das ist ja fast so wie bei meinem Lieblingsfußballverein! Aber selbst dort am Stadion gibt es meistens noch faire Last-Minute-Tickets und auch bei der ElbPhi kann man an der Abendkasse noch Glück haben. Bestes Beispiel ist die Dame die bei unserem ersten Konzert neben uns saß und wirklich auf die letzte Minute noch in den Saal gehuscht gekommen ist und grade noch Zeit hatte, uns überglücklich zu erzählen, dass sie die allerletzte Konzertkarte ergattert hat und wie sie sich darüber freut.

Jedenfalls durften wir uns gestern an zwei Beethoven-Sinfonien aus dem Zyklus ¡Viva Beethoven! erfreuen. Gustavo Dudamel, laut der New York Times der „heißeste Dirigent“ des Planeten (was mich nicht wundert, da der für mich bisher heißeste Dirigent des Planeten Signore Claudio Abbado ja leider vor drei Jahren verstorben ist) und sein Orquesta Sinfónica Simón Bolívar sind zur Zeit zu Gast in der Hansestadt und verzaubern alle, nicht nur uns Hanseaten. Ich las heute gerade, dass diese Konzertreihe, alle neun Beethoven Sinfonien an fünf Tagen aufzuführen, sogar weltweit Beachtung findet und dass das Orquesta vorher schon mit dieser Konzertreihe in Barcelona aufgetreten ist. Man darf also gespannt sein auf die ganzen Nachbesprechungen.

Meine Kollegin fragte mich heute Morgen, ob ich gestern einen schönen Abend hatte und wie mir das Konzert gefallen hat. Natürlich habe ich ihr im Vorwege erzählt, dass ich „schon wieder“ in die ElbPhi gehe, ich alte Angeberin. Sie ist zugegebenermaßen kein Klassikfan bzw. sagt von sich selbst, dass sie ja gar keine Ahnung von Klassik hätte und fragte, ob es denn gestern ein großes Orchester gewesen sei und dass das ja nix für sie wäre, sie würde vielleicht irgendwann mal mit einem kleinen Orchester starten, wenn sie die Möglichkeit dazu bekommt. Ich strahlte sie trotz der fehlenden Klassikbegeisterung an und erzählte ihr von diesem tollen Orchester mit seinen sechs Kontrabässen, den acht Celli, den mindestens 30 Streichern, zwei Fagotten nebst Kontrafagott, zwei Hörnern, zwei Querflöten und einer Piccoloflöte, den Oboen und Klarinetten und dass der Klang einen selbst am Anfang der Schicksalssinfonie nicht weggeblasen hat, sondern …. und dann fehlten mir kurz die Worte.

Wie beschreibt man dieses grandiosen Orchesters in diesem einzigartigen Konzertsaal am besten? Man sitzt in einem Rund, das Orchester fast mittig vor einem. Man fühlt sich wie in einer Miniaturausgabe des Galaktischen Senats aus Krieg der Sterne. Fast ist man versucht, auf seinem Sitz nach vorne zu fliegen und über den Köpfen der Musiker zu schweben. Die Akustik ist trocken, gestern habe ich vermeintlich das Blatt des Kontrafagotts beim Anblasen gehört, es schnarrte irgendwie immer. Das empfand ich als etwas störend, aber es war auch total lustig, nicht nur Töne zu hören, sondern z.B. auch die Klappen der Blasinstrumente und manchmal auch die Saiten beim Anstreichen und das noch nicht mal wenn nur gezupft wird. Die Musik ist nie laut, es ist alles so wohltemperiert irgendwie. Es ist auch mal ganz leise und zart, man wird vom Klang umgeben, die Musik erfüllt einen.

Der Bagelmann und ich haben auf dem Nachhauseweg überlegt, was uns an dem Abend am besten gefallen hat. Die Musik, das Orchester, das Ritual vor dem Konzert in das tolle asiatische Streetfood-Restaurant gegenüber meines Büros zu gehen und etwas Leckeres zu essen, oder das Gefühl zu haben in der ElbPhi schon fast zu den alten Hasen zu gehören, im Schlaf „unsere“ Plätze zu finden und an den netten wegweisenden Mitarbeitern des Hauses mit einem freundlichen Nicken vorbeizugehen. Danke, wir kennen den Weg und nein, wir wollen heute mal nicht mit der Tube fahren, sondern nehmen bewusst den Aufzug. Wir beide einigten uns darauf, dass es irgendwie alles zusammen war, aber am meisten hat uns das Gefühl von Vertrautheit gefallen.

Ja, das war es dann auch, was ich meiner Kollegin erzählte. Von dem Gefühl der Erfüllung und der Nähe zur Musik und während ich ihr mit leuchtenden Augen vorschwärmte, fasste ich mir an den Bauch in die Nähe des Solar Plexus. Dort wo beim Menschen so viele Nerven zusammengeschaltet sind, ein wichtiger energetischer Punkt.

Musik, Liebe, Energie.

 

 

 

Patience

Geduld, die: Fähigkeit oder Bereitschaft, etwas ruhig und beherrscht abzuwarten oder zu ertragen.

Der Bagelmann hat ein morgendliches Ritual. Seitdem ich mit 65 Umzugkartons, einem Esstisch, 8 Stühlen, 25 Küchengeräten, 3 Dutzend Einweckgläsern, einem roten Sofa, 1,5 Kleiderschränken und einem Set Affirmationskarten bei ihm eingezogen bin, haben wir das Ritual erweitert und ziehen jetzt morgens nicht immer nur eine Engelskarte, sondern auch gleich eine Körper & Seele Karte von Louise Hay, als Ergänzung sozusagen. Der kleine Mann an seiner Seite freut sich immer darüber und bekommt glänzende Augen, wenn er uns seinen grade frisch gezogenen Affirmationsspruch vorliest. Auch die Eigenschaft auf der Engelskarte wird von ihm kommentiert und wenn diese dann mal nicht gleich sonnenklar zu verstehen ist, versuchen wir gemeinsam herauszufinden, was z.B. Brüderlichkeit oder Kommunikation bedeuten könnte.

Meine heutige Engelkarte sagte mir, dass es mir zur Zeit wohlmöglich an Geduld fehlen könnte. Anders nämlich als der kleine Mann an seiner Seite verstehe ich die Engelkarten meistens als das, was mir gerade fehlt und nicht als das, was mich auszeichnet. Wenn ich mal wieder die Humorkarte ziehe, freut sich der kleine Mann an seiner Seite nämlich für mich und sagt: Das passt zu Dir, Martina! Wir lachen immer viel gemeinsam.

Wenn mich mein Humor auch auszeichnet, als die Grundlagen für Geduld und Beherrschung verteilt wurden war ich wahrscheinlich mal wieder auf und davon zu neuen, spannendenden Herausforderungen oder auf dem Klo. Oder habe lieb gelächelt, für mich dann aber gleich gedacht: brauchichnicht. Ich KANN so schlecht abwarten. Ich WILL immer alles sofort. Wenn es mir mal ausnahmsweise gelingt, auszuhalten und etwas wachsen und entstehen zu sehen, freue ich mich zwar immer sehr darüber, aber beim nächsten Mal kratze ich bestimmt schon wieder die Farbe von den Wänden, weil es mir nicht schnell genug geht.

Wir leben zur Zeit immer noch zwischen Kartons und in heilloser Unordnung. Also, Unordnung gemessen an meinen Maßstäben und die sind, wie meine Freunde bestätigen können, ziemlich hoch. Also, heillos ist wahrscheinlich wirklich übertrieben, aber ich empfinde es nun mal so. Den Flur kann man nur im Slalomlauf durchqueren und nachdem ich gestern Abend sechs Kartons ausgepackt habe, die vor dem einen Wohnzimmerschrank standen und man nun endlich an selbigen herankommt, ohne sich ganz oben auf den Kartonstapel zu legen und mit langen Armen zu versuchen, die Teller aus der untersten Etage zu fischen, sind die restlichen zwei Kartons des Stapels auf die andere Seite des Zimmers gewandert und versperren nun dort den anderen Schrank. Ich hatte aber gestern irgendwann einfach keine Lust und keine Kraft mehr zum weiteren auspacken und fand, dass sechs Kartons inkl. Einräumen eigentlich eine ganz gute Quote darstellt.

Eigentlich haben wir schon ziemlich viel geschafft, das meiste ist ausgepackt, angeschraubt und aufgestellt,  aber eben noch nicht alles. Zum Beispiel klaube ich mir täglich meine Klamotten aus dem riesigen Wäscheberg zusammen (von mir auch gerne Wäschezwerg genannt, wenn ich ganz lustig sein will, haha, da isser ja, mein HUMOR), der schon vor dem Umzug beträchtlich gewesen ist, dann in besagtem Wäschekorb einfach umgezogen wurde und jetzt seit zwei Wochen weiter wächst und gedeiht, weil waschen können wir und tun das auch. Also wird der Zwergenberg gefüttert und meine Kleidungssituation nervt mich. Jeden Tag habe ich bisher Umzugskartons ausgepackt und geordnet und einsortiert, aber ich habe es noch nicht geschafft, meine Wäsche zu bügeln und ordentlich in den Kleiderschrank zu hängen, wo mir vom Bagelmann reichlich Platz geschafft worden ist. Ich fühle mich so unwohl nicht zu wissen, was ich morgens zur Arbeit anziehen soll und von daher ist mein Kleidungsstil momentan eher quadratisch, praktisch, gut und in Jeans (die gehen ja auch ungebügelt), dezent verschönert mit der ein oder anderen passenden Cardigan und Boots. Die Schuhe sind zum Glück schon ordentlich verstaut, wenigstens etwas!

Es geht halt nicht alles auf einmal, das weiß ich auch, aber ich bin so fürchterlich unentspannt und angenervt, an jeder Ecke steht was rum und ich laufe ständig irgendwo gegen und bin letztens mit der Kapuze meines Hoodies an einem Kartonstapel hängen geblieben und musste, bevor die gesamte Vasensammlung auf den Boden knallt, vom Bagelmann gerettet werden, da ich die Hände nicht frei hatte um mich selbst zu befreien. Die Situation zehrt an meinen Nerven und ich möchte endlich alles hübsch, sauber und geordnet haben. Wissen, wo was liegen soll und wird, wieder einen Kleiderschrank mit einer Auswahl an gebügelter und hübsch aufgehängtem Klamotten haben und nicht mehr das am wenigsten zerknitterte Teil aus dem Wäschekorb ziehen und anplünnen müssen. Ich will endlich Routine. Also mehr Routine, als die besagten fünf Minuten am Morgen mit Engelkarten und Affirmationen, wie ich meine Seele heute am besten streicheln und aufhübschen soll. Ich will nach Hause kommen und nur noch entscheiden müssen, ob ich in die Laufschuhe oder in die Badewanne steigen soll. Und dann ab in die Heia und ein Buch lesen, oder auf dem Sofa fleezen und herumkrümeln.

Aber eben nicht mehr nur nach einem langen Arbeitstag nach Hause zu schleichen und die ganze Zeit zu wissen, dass da noch der Spiegelschrank, die Garderobe und die Tafel darauf warten an die Wand gebracht zu werden, aber nach 19 Uhr abends bohrt man ja auch keine Löcher mehr in Wände und an den letzten beiden Wochenenden waren wir immer noch in Sachen alte Wohnung herrichten unterwegs, so dass wir das Bohren auf wann-auch-immer verlegen müssen. Des Weiteren warten noch diverse Kartons mit noch mehr Küchengeräten auf Ihren Einsatz, aber wohin damit? Ach ja, warte, wir müssen ja noch Küchenschränke und Regale kaufen, bevor wir das auspacken können. Ich liebe ja eigentlich „unboxing“ aber momentan bin ich es echt leid. Ich will Ordnung! Sofort!

Als ich meine alte Wohnung und mein altes Leben in besagte 65 Umzugkartons gepackt habe, sind mir meine Patiencekarten aus Kindertagen in die Hände gefallen. Ich weiß, ich weiß. Patiencen legt man schon seit mehr als 20 Jahren nicht mehr mit echten Karten sondern online oder auf dem Handy. Dennoch, ich bin in solchen Dingen sehr altmodisch und habe mit etwas Rührung und einer kleinen Träne im Knopfloch die Karten auf Vollständigkeit durchgeschaut und dann an die viele schöne Stunden gedacht, die ich an unserem runden Esszimmertisch mit Muttis selbst genähter Tischdecke im Millefleurs-Muster verbracht habe und mich in Patiencen geübt habe. Meine Mutter und meine Schwester waren auch fleißige Patiencelegerinnen und ich hatte sogar Karten im Snoopy- bzw. Peanutsdesign! Ich weiß, es kommt der Tag an dem der letzte Karton leer in den Keller wandert, alles seinen Platz gefunden hat und ich mir dann bestimmt irgendwie denke: Endlich fertig. Und Rom wurde ja auch nicht an einem Tag erbaut. Herrje, zum Glück war ich damals nicht dabei, die ganze Unordnung und der ganze Staub, ich wäre verrückt geworden.

Dann werde ich mich an den Esstisch setzen und eine Snoopy-Patience legen. Und mich freuen. Noch. Mehr. Freuen. Und zur Ruhe kommen.

 

 

Rant 2.0

Ich hasse Smartphones.

Ok. Nein, ich muss präziser werden. Ich hasse Smartphones im öffentlichen Leben. Hm. Auch nicht richtig. Natürlich hasse ich Smartphones nicht an sich, ich besitze ja selbst eins und möchte es nicht missen. Auch und gerade im öffentlichen Leben nicht. Natürlich nicht. Es erleichtert so vieles und ist eigentlich immer ein treuer Begleiter. Aber ich kann auch ohne. Und das tue ich auch so oft es geht. Jeden Tag. Und ganz bestimmt immer dann, wenn ich auf die Straße gehe, mich also unter Menschen bewege. Ich muss NICHT als Smombie durch die Stadt laufen, andere Leute am schnelleren Gehen durch enge Stellen hindern oder auf Treppen immer langsamer werden und leichte Schlenker in meinen Gang einbauen, weil ich auf mein Handydisplay schaue. Das mit dem Schlenkern mache ich vielleicht auch so schon, aber Ihr wisst sicherlich was ich meine.

Kürzlich auf dem Hamburger-Hauptbahnhof am Gleis 14 hatte ich ein Erlebnis mit einem jungen Herrn, welches sehr exemplarisch ist. Ich steige eigentlich fast immer an der selben Stelle in den Zug ein, der mich in mein neues Zuhause bringt. Die Erfahrung lehrte mich, dass in dem Teil des Zuges fast nie Sitzplatzreservierungen vorliegen, ich also immer einen Sitzplatz bekomme ohne Gefahr zu laufen, den gerade häuslich eingerichteten Raum auf Zeit wieder freimachen zu müssen. Auf dem Weg von der Bahnhofshalle auf das Gleis und an die Stelle, an der ich dann den Zug erklimme, muss ich Slalom laufen, weil meistens der halbe Bahnsteig von aufgeregten Eintagsreisenden mit mehreren Riesenrollkoffern bevölkert wird, die hektisch nach der Wagenstandsanzeige suchen und dann wie hypnotisiert auf die elektronische Gleisanzeige starren, ob der ICE nach Stuttgart auch wirklich von diesem Gleis fährt und nicht kurzfristig auf den Nachbarbahnsteig verlegt wurde. Den zweiten Teil des Bahnsteigs teilen sich die etwas unaufgeregteren Pendler und Geschäftsreisenden und: die Smombies.

Letztere stehen natürlich auch total unaufgeregt rum und tun ja eigentlich niemandem etwas. Also mir nicht und auch sonst niemandem. Was sie vielleicht virtuell oder per Kurznachrichtendiensten alles anstellen, ist mir relativ schnuppe, aber was mich nervt ist, dass ich mich immer noch einmal mehr um sie herumschlängeln muss. Erst versuche ich an der einen und dann auf der anderen Seite an Ihnen vorbeizukommen und hoppel so wie ein Boxer beim Aufwärmtraining um sie herum. Leider merken sie es oftmals gar nicht, dass sie einfach im Weg stehen, denn hinter ihnen steht ja schon wieder jemand anderes, was sie natürlich auch nicht bemerken, die haben ja hinten keine Augen und wenn, dann wären diese auch nur auf ihr Smartphone gerichtet. Und vor ihnen ist ja noch gaaaanz viel Platz. Vermeintlich viel Platz sollte ich besser schreiben. Denn, und das bemerkt niemand von diesen Socialnetworksüchtigen, jeder mit einem Smartphone in der Hand hält seine Arme und Hände mindestens 30 bis 50 cm vor seinen Körper, d.h. man vergrößert seinen Radius einfach um fast einen halben Meter, aber nur an einer kleinen Stelle des Körpers. Niemand denkt darüber nach, dass die Arme ausgefahren sind und sich damit einfach der Platz, dem man anderen Menschen um sich herum einräumt, reduziert. Ich muss mich immer überwinden, zu nah an so einem Smombie vorbei zu gehen, denn ich bleibe bestimmt irgendwann mal mit irgendeinem Jackenaufschlag, meiner Umhängetasche oder mit meinem kleinen Finger an dem superteuren Smartphone hängen und reiße es dem Träger aus der Hand und schon sind 700 Euro im Eimer, ich kenne mich doch!

Und das nervt mich. Zurück zum Geschehen. Ich bin also wieder einmal wie Rocky Balboa um ein Smartphone mit Jüngling am anderen Ende herumschlawienert, da hinter dem Smombie eine Mutti mit Kinderwagen den Bahnsteig blockierte, halb links vor ihm wartete der Schaffner schon mit einer dieser mobilen Hebebühne für Rollifahrer und der Smombie stand ca. 50 cm weg von der Hebebühne, aber sehr nah an Mutti mit Kind. Ich konnte also weder vor ihm noch hinter ihm vorbei und irgendwann bemerkte er meine Not, klappte seine Arme ein und meinte fast entrüstet: „Gehen Sie doch durch, hier ist doch genug Platz!“ Ich schnaubte nur kurz durch meine bebenden Nasenflügel, bedankte mich dafür, dass er mir Platz gemacht hat und schlich an ihm vorbei. Am Liebsten hätte ich ihm aber einen kleinen Vortrag gehalten, dass sich einige Menschen, so wie ich zum Beispiel, noch nicht daran gewöhnt haben, nicht mehr so geschmeidig wie ein Lachs in seinem Schwarm durch die Menschenmenge flutschen zu können wie früher, sondern ständig durch Smartphonebremsen wie ihm daran gehindert zu werden, beherzt das eigene Tempo im Fußgängerstraßenverkehr zu gehen.

Gestern in der U-Bahn hatte ich ein entzückendes Erlebnis, bei dem ich mich selbst ertappt gefühlt habe. Es regnete stark und ich habe seit einer Woche nun kein Monatsabo für den Hamburger Verkehrsverbund mehr, da ich den Weg von der Arbeit zum Hauptbahnhof immer zu Fuß zurück lege. Ich sprintete also unter dem Dauerregen zur U-Bahn und stiefelte gewohnheitsmäßig gleich auf das Gleis, ohne darüber nachzudenken, dass mir etwas Entscheidendes fehlt. Wer wie ich praktisch schon mit einem Monatsabo des HVV in der Tasche auf die Welt gekommen ist, der denkt erst mal gar nicht darüber nach einen Fahrscheinautomaten zu benutzen, wenn er auf einmal kein Ticket mehr hat. Zum Glück ist es mir aber als ich auf dem Bahnsteig stand wieder eingefallen und ich dachte, cool, ich habe ja die HVV-App, ich kaufe mir schnell eine Kurzstrecke.

Pustekuchen. In der Hamburger U-Bahn hat die HVV-App keinen Empfang. Ich stieg trotzdem in die Bahn ein, da ich keine Zeit mehr hatte zum Fahrkartenautomaten zurück zu stürmen, da ich ja meinen Zug am Hauptbahnhof bekommen musste. Wer mich kennt weiß, dass ich in den 3 Minuten Fahrt bis zum Hauptbahnhof (es sind zum Glück „nur“ 2 kurze Stationen mit der U 1) Blut und Wasser geschwitzt habe und gebetet habe, dass kein Kontrolleur kommt. Ich kann das nicht, also Schwarzfahren oder Betrügen oder so. Sagte ich ja schon mal. Das habe ich einfach nicht in meiner DNA und wenn es mal passiert, weil auch ich mal vertrottelt sein kann, dann ist es ganz schön aufregend für mich. Ich stand also mit gezücktem Handy und ausgeklappten Armen in der Bahn, sorgfältig darauf bedacht, niemanden in die Quere zu kommen und sah der App beim Rödeln zu. Sie rödelte und rödelte und rödelte und zeigte mir mein fast frisch erworbenes Handyticket nicht an. Neben mir tobten zwei Jungs im geschätzten Alter von 7 und 10 Jahren herum und spielten. Ich habe zunächst nicht ganz kapiert, was sie spielten, da ich doch so auf mein Handydisplay fokussiert gewesen bin und mit hektischen Seitenblicken auch auf das Geschehen auf dem Bahnsteig, ob nicht doch noch jemand von der S-Bahn Security einsteigt und „Die Fahrscheine, bitte“ brüllt.

Als ich dann doch aufschaute sah ich, dass die Jungs jeder einen gelben Post-It Block in der Hand hielten, auf dem nichts stand und beide sich mit ihrer Fantasie und ihrem Witz Geschichten ausgedacht haben, von bunten Seiten und lustigen Stickern. Sie zeigten sich die leeren Blockseiten gegenseitig und lieferten sich einen Wettstreit darüber, auf welchem der Blöcke die tolleren Dinge abgebildet sind. Es kam mir so vor, als persiflierten sie auch ein wenig die großen Menschen um sich herum, die nur auf ihre bunten Minibildschirme guckten und gar nicht mehr auf das eigentliche, noch viel buntere Leben, dass da auch noch stattfindet. Es war für mich der Moment, in dem ich mein Handy wieder einsteckte und mir sagte, dass es jetzt egal sei, ich hatte nun mal kein Ticket und wenn ich kontrolliert würde, dann wäre es halt so. Mit einem Schmunzeln betrachtete ich also weiter die Jungs beim Ausdenken und Spielen in der U-Bahn. Es war so skurril, denn neben ihnen saßen nur große Menschen, die alle nur Augen für ein 4″ oder 5,1″ großes Handydisplay hatten und dabei nicht bemerkten, wie sie sich selbst und oftmals auch die anderen Menschen um sich herum blockieren.

Tut mir doch alle bitte einen Gefallen: Legt das Handy sooft es geht zurück in die Handtasche, den Rucksack, die Hosentasche. Insbesondere wenn Ihr Euch bewegt. Es tut gut, sich einfach mal wieder umzugucken, denn dann entdeckt man womöglich etwas!

Umzüge, oder wie ich doch keine Meerjungfrau wurde

Mermaidhairlook ist ja momentan der letzte heiße Scheiß. Der Bagelmann findet das auch total toll (alter Hipster) und ich warte seitdem täglich darauf, dass er mit blauer Mähne nach Hause kommt. Nun ja. Ich, als absolute Trendsetterin, wollte ja schon mit 15 Jahren blaue Haare haben. Meine Schwester war zu der Zeit bereits Friseurmeisterin und ich hatte somit 1-a Kontakte und Quellen, so dass das auch handwerklich eigentlich kein Problem darstellte. Leider war meine Mutter von der Idee überhaupt nicht begeistert.

Sie fand, dass ich gerne wenn ich aus dem Elternhaus ausgezogen und volljährig noch dazu wäre, tun und lassen könnte, was ich wolle. Der bei uns nie klar ausgesprochene Satz: „Solange Du die Füße unter meinem Tisch hast…“ waberte durch und so war ich mal ausnahmsweise folgsam und artig und ließ meine Haarfarbe so wie sie von Natur aus war. Straßenköterblond.

Irgendwann aber, ich glaube es war ca. 1,5 Jahre später, habe ich von meiner Schwester anlässlich Norddeutschlands größter Faschingsparty, dem LiLaBe, eine blaue Mähne verpasst bekommen. Die Haare wurden leider nur temporär mit Sprühfarbe eingefärbt, so dass die Farbe nach der Party auf dem Nachhauseweg meine weiße Winterjacke total ruiniert hat, da es angefangen hatte zu schneien und das Blau irgendwann schön aus meinen nassen Haaren tropfte. Wir sind damals nämlich sehr oft zu Fuß nach Hause gelascht und somit auch in dieser durchtanzten Nacht. Und natürlich hatte ich keine Mütze mit, sollte ja jeder meine Haarpracht bewundern. Die Jacke war ruiniert, die Haare bald nicht mehr blau und das Erlebnis dann irgendwie doch nicht mehr so toll.

Ich muss jedenfalls immer daran denken und schmunzeln, wenn ich auf der Straße jemanden sehe der jetzt nicht direkt der Punkbewegung zuzuordnen ist und mit blau-, grün- oder manchmal auch rosaverwaschen gefärbten Haaren herumläuft. Und denke dabei meistens heimlich bei mir: okee, kann man machen, muss man aber nicht. Vielleicht zum Fasching, zum Karnevalsumzug, oder wenn man einfach ein Außerirdischer sein möchte.

Apropos Umzüge. Bald ist ja bekanntlich wieder Rosenmontag und mein Umzug in die dann gemeinsame Regenbogenbagelwohnung wird aller Voraussicht nach genau am Faschingswochenende stattfinden. Letzte Woche habe ich einfach mal aus Spaß an der Freude auf einem der bekannten Preisvergleichsportale unseren Umzug eingegeben und um Angebote für das Wegkarren diverser Gegenstände von einer Hansestadt in die andere gebeten. Eigentlich haben wir vor, unsere Freunde und Bekannte einer Belastbarkeitsprobe auszusetzen und hoffen, dass wir am Aus- und Einzugstag in jeder Stadt wenigstens ein paar helfende Hände haben werden. Fix einen 7,5t mieten, Halteverbotszonen einrichten lassen und los geht es. Aber trotzdem fand ich es mal schick sich anzugucken, was wir bezahlen müssten, wenn wir uns professionelle Hilfe holen würden. Und es ist wirklich erstaunlich, auf einen Streich erstmal fast 30 Angebote zu erhalten und dann noch mit einer Preisspanne von 475 EUR bis 9.700 EUR. Für das GLEICHE Umzugsgut, aber wohl nicht für den GLEICHEN Service.

Wir hatten gestern Abend einen sehr kostbaren, weil lustigen Moment auf dem Sofa in der einen Hansestadt, kostbar weil die letzten beiden Tage in der anderen Hansestadt mit Kisten packen, Regale abbauen, Staub und Tränen abwischen verbracht wurden und viel zu wenig gelacht wurde, und haben uns über die zum Teil sehr phantasievollen Namen der Umzugsfirmen amüsiert. Wir waren fast versucht, den Umzug nur des Namens wegen entweder an Tetris (die müssten ja wissen, wie sie in einen Citroen Berlingo einen 240l Kühlschrank, zwei Billy-Regale nebst Trockner und 40 Umzugskartons strategisch stapeln), Deluxe (oh lala, das klingt ziemlich nach Extra-Service, sanft und sorgfältig oder so) oder an BOSS (der MUSS ja Bescheid wissen) zu vergeben. Oder noch schöner: ein Umzugsunternehmen mit dem Namen AVATAR. Hätten wir nach Pandora gewollt, wir hätten keinen Moment gezögert. Am schönsten fanden wir, dass wir ein sogar sehr gutes Angebot von einem Umzugsunternehmen mit dem Nachnamen des Bagelmannes erhalten haben. Na so ein Zufall!

Ansonsten gestehe ich, dass ich dem Bagelmann gerade überhaupt keinen Grund zum Lachen gebe. Es ist ganz, ganz fürchterlich mit mir. Ich mutiere momentan zu DER Dramaqueen schlechthin, kenne mich selbst nicht mehr, finde mich absolut UNTRAGBAR und bin geschockt, wie unnormal ich bin. Ich meine, ich habe schon des Öfteren Phasen in meinem Leben gehabt, in denen ich an mir gezweifelt habe. Moment. Ok, eigentlich ist das ganz schön oft der Fall. Aber tatsächlich stellt es sich grade so dar, dass ich in der Diskussion, ob ein Regal in seine Einzelteile zerlegt werden soll oder nicht, oder ob man jetzt noch gemeinsam kurz eine Tasse Tee zusammen trinkt oder aus Zeitgründen eben nicht, vom sachlichen (=0) sofort auf eine sehr emotionale (=100) Ebene komme und dann nur noch weglaufen will. Ihn da stehen lassen wo ich meine, dass ich störe. Fliehen vor mir und meiner Unverhältnismäßigkeit. SO ein drastisches emotionales Chaos ist selbst mir fremd. Dem Bagelmann sowieso. Er hat gestern aus lauter Hilflosigkeit ob meines unverständlichen Verhaltens die Hände zum Himmel gereckt und gerufen, dass es sich doch nur um einen Umzug handelt, wir ansonsten keine Probleme haben, gesund sind, uns lieben und sich alle Arme, Beine und Ohren noch am Körper befinden. Wo denn also gerade mein Problem sei.

Er hat ja so Recht. Wir haben nicht vor, eine Mondlandung zu vollbringen, wir fliegen nicht ins All, wir brechen auch nicht nach Pandora auf. Wir ziehen um. Punkt. Es gibt also eigentlich nicht wirklich ein Problem, außer dem Druck meinen Viechern ein neues Zuhause zu suchen, das ist tatsächlich ein Problem. Aber auch das schaffen wir. Weil, wir schaffen alles. Isso. Und vielleicht mutiere ich dann von der Dramaqueen doch noch zur Meerjungfrau und komme zur Feier des Anlasses mit blauen Haaren um die Ecke.

Die kleine Meerjungfrau ist die jüngste und anmutigste der sechs Töchter des Meerkönigs. Sie hat, wie alle Meermenschen, keine Füße, sondern einen Fischschwanz. Sie besitzt als einzige die Marmorstatue eines Jünglings, welche im Meer versunken ist. Durch Erzählungen von der Oberfläche („Die Blumen duften und die Fische [= Vögel] singen wunderbar“) weckt ihre Großmutter weiter die Sehnsucht nach der Menschenwelt. Mit fünfzehn Jahren dürfen die Töchter nachts hinauf und am Strand liegen – die älteren Schwestern, welche früher dieses Alter erreichen, erzählen ihr Wunderdinge von der lärmenden beleuchteten Stadt, den Vögeln, dem Sonnenuntergang, Kindern und Eisbergen. Als sie endlich selbst das Alter erreicht, steigt sie empor und beobachtet die Matrosen auf einem Schiff – am besten gefällt ihr aber der Prinz mit den dunklen Augen, der gerade seinen sechzehnten Geburtstag feiert. Als das Schiff wegen eines Sturms sinkt, erinnert sich die Meerjungfrau, dass Menschen nur tot auf den Meeresgrund gelangen können, und bringt den Prinzen an den Strand.
Sie beobachtet, wie ein Mädchen ihn findet, und ist traurig, dass sie sich anlächeln – der Prinz weiß schließlich nicht, wer ihn gerettet hat. Die Meerjungfrau findet heraus, wo das Schloss steht, und besucht die Gegend immer wieder. Sie erfährt, dass die Meermenschen im Gegensatz zu den normalen Menschen keine Seele besitzen, die nach ihrem Tod in die Luft aufsteigt – die einzige Möglichkeit, eine solche zu erlangen, ist, von einem Menschen geliebt zu werden. So begibt sie sich zur Meerhexe, die sie bisher stets fürchtete, und lässt sich einen Trunk brauen, der ihr Beine wachsen lässt statt ihres Fischschwanzes. Die Verwandlung ist jedoch unumkehrbar – sie wird nie wieder zu ihrem Vater und ihren Schwestern zurückkehren können. Falls sich der Prinz nicht in sie verliebt, bekommt sie keine unsterbliche Seele und wird zu Schaum auf dem Meere werden. Außerdem muss sie ihre Stimme hergeben. Stumm trifft sie also den Prinzen und wird von ihm in sein Schloss geführt.
Dort bleibt sie bei ihm, aber der Prinz liebt nur das unbekannte Mädchen, das er am Strand sah und für seine Retterin hält. Später stellt sich heraus, dass dieses Mädchen die Prinzessin des Nachbarkönigreichs ist, und der Prinz heiratet sie. Da der erste Sonnenstrahl nach seiner Hochzeitsnacht der kleinen Meerjungfrau den Tod bringen soll, geben ihre Schwestern ihr den Rat, den Prinzen zu töten: Das würde sie wieder in ein Meerwesen verwandeln und retten. Sie bringt es aber nicht fertig, springt ins Wasser und löst sich in Schaum auf. Dabei stirbt sie jedoch nicht, sondern verwandelt sich in einen Luftgeist. Damit hat sie die Möglichkeit, durch gute Handlungen eine unsterbliche Seele zu erlangen und so an dem „ewigen Glück der Menschen“ teilzuhaben.
Quelle: Wikipedia.org

 

 

 

Zwischenzeiten

Normalerweise ist der Januar immer der Monat, den ich am wenigsten lieb habe. Nach all dem Licht, der Wärme, dem Glitzer und den schönen Dingen, die der Dezember so aufbietet, kommt der Januar mit Matsch, Regen, Kälte und Niedergeschlagenheit daher. Das war bisher IMMER so. Der Februar hingegen ist schon wieder ein Schritt in Richtung Frühling, Ostern steht vor der Tür und in den Geschäften gibt es schon die ersten Fondanteier zu kaufen. Kennt Ihr die? Ich liebe diese Zuckerbomben in Form von Sunny Side Up Eiern und freue mich immer, wenn es sie wieder zu kaufen gibt. Die restlichen Monate des Jahres sind auch immer Selbstläufer, irgendwas Schönes ist in jedem Monat los. Sei es nur irgendein Feiertag oder einfach nur das Wetter.

Der Januar also fristet in meinem Lebenstagebuch ein total trostloses Dasein. Es tut mir auch echt immer leid für ihn, allein ich kann nichts dagegen machen. Ich verbringe den Monat immer in Antriebslosigkeit, bin matschig, mürrisch und maule herum. Vielleicht brauche ich das auch, so ein ganzer Monat, in dem nix läuft, nichts los ist, ich runter kommen kann und alles um mich herum, und das neue Jahr insbesondere, einfach mal doof finden kann. In diesem Jahr allerdings habe ich vom Januar, bis auf das Wetter, nicht viel mitbekommen. Heute ist bereits der zweite Tag Februar und ich merke gerade, dass der unbeliebte Januar schon rum ist. Wo ist er geblieben? Ich konnte ihn gar nicht so richtig auskosten, ihn nach Herzenslust anmaulen, ihn komplett doof finden und heruntermachen. Und ich merke, wie mir das fehlt!

Mir fehlt momentan noch viel mehr. Die Zeit „zwischen den Jahren“ hat sich bei mir gerade auf mein gesamtes Leben gelegt. Ich bin momentan zwischen zwei Leben, zwischen zwei Städten, zwischen zwei Wohnungen, zwischen zwei mal ein Zuhause. Und diese Zeit dauert nicht wie am Ende des Jahres nur 7 Tage, sondern es fühlt sich für mich gerade wie eine Ewigkeit an. Das Neue ist noch nicht ganz da, das Alte noch zu präsent und ich finde einfach keinen Anfang und kein Ende, es ist alles gerade so Zwischendrin.

Am meisten fehlt mir momentan Zeit. Zeit für Sport, Zeit Freunde zu treffen, Zeit mit meinem Liebsten in Ruhe zu telefonieren, so lange wir noch nicht zusammen wohnen, Zeit auf dem Sofa, Zeit zum Spazierengehen. Zeit, um endlich anzufangen meine Wohnung einzupacken, zu sichten, was wir nicht mehr benötigen, was sich vielleicht noch verkaufen oder verschenken ließe, Zeit mich um eine neue Bleibe für meine Katzen zu kümmern. Zeit um Abschied zu nehmen, Zeit um mich ganz und gar auf das Neue zu freuen, Zeit um einfach mal durchzupusten und dann die Ärmel wieder aufzukrempeln und weiter zu machen.

Mir fehlt momentan sogar die Zeit zum Kochen. Und das merke ich auch ganz extrem an meiner Stimmung und an meiner Gefühlslage. Wenn ich mal ein paar Tage nicht koche, dann fehlt mir wirklich etwas. Ich kann nicht richtig abschalten, herunterkommen, entspannen. Das ist wenn man nicht zum Sport machen kommt natürlich auch so, nur dass man das ja ganz gut auch mal ohne aushalten kann. Also ich. Aber ich merke, dass ich unleidlich werde, wenn ich keine Zeit zum Kochen habe. Ich habe gerade nachgerechnet und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass ich das letzte Mal vor fünf Tagen gekocht habe. Meine Güte, der ganze Stress und Wust der letzte Woche ist noch in mir und das ist es auch, was mich gerade so herunterzieht. Denn der Januar kann es nicht mehr sein, es MUSS das Nichtkochenkönnen sein.

Zum Glück ist heute Morgen mein zweiter Slow Cooker geliefert worden. Der große Bruder steht schon in der neuen Wohnung, der Lütte dann ab heute Abend in der alten. Und ich werde ihn gebührend bekochen und einweihen. Damit der Februar eine Chance hat, nicht der kleine Januar zu werden. Ich war nämlich schon drauf und dran, ihn schlecht zu machen. Heute Abend gibt es Champignon-Risotto. Ich bin ganz gespannt. Und ich merke, wie ich anfange mich zu freuen. Ich mache endlich mal wieder etwas nur für mich. Für meine Entspannung. Für mein Gefühl. Wenn dann zeitlich noch eine Runde Yoga herausspringt, ist alles gut.

Und dann klappt alles andere auch wieder. Bestimmt!

Where have all the flowers gone

Heute Morgen im Bus hätte ich beinahe eine Aktion gestartet. Ein verbales Pamphlet gehalten, wenn das ginge. Versucht aufzurütteln aus der täglichen abgestumpften Routine des „ich-fahre-mit-öffentlichen-Verkehrsmitteln-zur-Arbeit-und-kapsel-mich-ab“, die ich schon so lange beobachte. Einen Anti-Terror-Anschlag des Asozialen Netzwerkes(*), Sektion Hamburg, sozusagen. Aber nicht gegen eine Institution oder regierungsnahe Organisation. Für oder gegen eine Partei. Sondern für Menschen. Für ein Aufwecken aus der Routine Abschotten durch laute Musik aus den überdimensionierten Over-Ear-Phones (ich habe auch welche, ich gebe es zu), durch Tippen auf dem Smartphone und dem Hinterherjagen der letzten Nachrichten auf der Facebook-Timeline. Der Statusüberprüfung in den sozialen Netzwerken, wer hat was gemacht letzte Nacht, gestern Abend, heute Morgen. Und dabei in einer Menschenmenge völlig allein sein. Isoliert. Abgegrenzt.

Wo sonst immer lauthals über den Streit mit dem Partner gesprochen wird, oder die Fußball Ergebnisse vom Wochenende. Banalitäten und Aufreger, die eigentlich keine sind. Wo manchmal Intimitäten so laut ausgebreitet werden, dass ich mich fast täglich fremdschäme über das Gehörte, herrschte heute Morgen Schweigen. Jeder kauerte auf seinem Sitz. Tippte. Hörte Musik. Las die Bild. Keiner sprach. Mit niemandem.

Ich habe die Menschen um mich herum beobachtet und hatte das Bedürfnis laut zu sprechen, die kurze Fahrt im Bus zu nutzen, um etwas zu erklären. Mich und meine Gedanken mit Fremden zu teilen, meine Ängste und meine Sorgen. Aber auch meine Zuversicht. Kurz vorher auf dem belebten Hamburger Hauptbahnhof habe ich einen Mitarbeiter des Reinigungspersonals, ein Mann mit offensichtlich orientalischen Wurzeln, der für die Sauberkeit im Bahnhof zuständig ist und einen großen Abfallbehälter vor sich her schob, fast misstrauisch beäugt. Ich eilte hastig an ihm vorbei, fast schon in der Erwartung, dass hinter mir eine Bombe gezündet wird, aus dem Abfallbehälter, der als Tarnung dient, angekündigt durch den Ausruf der Lobpreisung der arabischen Gottheit.

Was für bescheuerte Gedanken, wirres Zeug. Wie komme ich überhaupt darauf? schalt ich mich selbst und ging weiter. Und dabei bin ich noch nicht mal besonders paranoid! Aber ich gebe es unumwunden zu: ich mache mir mehr Sorgen als noch vor 20 Jahren, als ich in Tel Aviv und Jerusalem gewesen bin und dort schon damals Anschläge an der Tagesordnung gewesen sind. Und ich gebe noch mehr zu, auch wenn darüber vielleicht der ein oder andere eine Augenbraue hochzieht: ja, ich beobachte meine Umgebung und vor allem meine Mitmenschen kritischer, als ich es jemals getan habe, nach Anzeichen von….ja, von was? Von Anschlagslust? Von Terroraktionismus? Von einem bösen Blitzen in den Augen, welches verrät dass es jemand ist, dem ich mit meinem Lebensstil ein Dorn im Auge bin?

Und warum bin ich auf einmal so furchtsam? Weil gestern etwas passiert ist, von dem ich mir nie habe vorstellen können, dass es so passiert. Wie süß. Wie naiv. Es passiert tagtäglich, mag jetzt manch einer denken. Ja, es passiert. Und immer so weit weg. Und immer dort, wo ich mich vielleicht nicht aufhalten würde. Aber gestern passierte es dort, wo auch ich sehnsüchtig hin pilgere, weil ich es einfach schön finde. Weihnachtsmärkte. In jeder Stadt. Schöne Stunden mit meinen Liebsten verbringen, mit Lichtern die glänzen und Glühwein in der Hand. Mit dem Duft von Schmalzkuchen in der Nase und der Musik von Jingle Bells im Ohr.

Es ist absurd. Aber heute Morgen hätte ich gerne die Menschen aufgerüttelt, mal von ihrem Trott abzukommen. Mal darüber zu sprechen, was einem für komische Gedanken kommen in dieser Welt, die jeden Moment mehr in eine Richtung driftet, die doch so niemand will! Jeden Morgen dasselbe. Keiner guckt mehr nach dem Gegenüber, alle sind nur für sich. Und wenn sie doch mal auf den anderen aufmerksam werden, dann geschieht das meistens mit Ärger, Wut und bösen Äußerungen. „Ey, pass doch auf!“ „Was willst Du denn?“ und Schlimmeres. Oder verholen so wie bei mir, stumm, aber genau beobachtend. Wer ist das da? Was macht der oder die da? Anstatt sich direkt anzusehen, höflich zueinander zu sein. Dem anderen Platz zu machen, sich nicht vorzudrängeln. Einen Schritt beiseite treten. Menschlich sein. Der Bagelmann und ich haben am letzten Wochenende in der S-Bahn darüber diskutiert und auch auf dem Weg zum Einkaufen danach. Ich habe mich mal wieder fürchterlich darüber aufgeregt, wie unhöflich die Menschen sind, in einer fast vollen S-Bahn ihre Plastiktüten nicht vom Sitzplatz zu nehmen. Durch die Fußgängerzone zu gehen und nicht auf die anderen Menschen zu achten, wenn man plötzlich auf Kopfhöhe seine Arme ausbreitet und dem Gegenüber fast den Kopf einschlägt. Ich habe geweint, weil mich das Verhalten der anderen so wütend gemacht hat. Und ich so wütend darüber gewesen bin, dass mich das so wütend macht, dass ich dem einen fast vor das Schienbein treten wollte, oder Schlimmeres.

Dabei ist es so einfach und ich bin mir so sicher, wie gut es wäre für die Gesellschaft, für die Welt, wenn wir einander wieder mehr ansehen. Ins Gespräch kommen. Auf einander Acht geben. Oder morgens auch mal über unsere Sorgen sprechen, vor allem mit Fremden. Warum denn nicht? Denn dann ist das Fremde auf einmal nicht mehr so fremd. Ich will in einer Gesellschaft leben, die mein Freund ist. In der ich mich wohl fühle und in der ich frei bin, möglichst ohne Angst leben kann und in der ich nicht misstrauisch werde, wehret den Anfängen (**)! Das war ich ja noch nie! Ich, die ich wohl eine der zutraulichsten und blauäugigsten Menschen bin, will so nicht werden, noch nicht mal kurzzeitig, so wie heute Morgen. Kein Misstrauen. Keinen Hass. Keine bösen Blicke. Weiter freundlich auf Menschen zugehen. Die Tür aufhalten. Mit dem Busfahrer lachen. Im Hauptbahnhof den anderen Reisenden den Vortritt lassen oder was auch immer.

Wann beginnen wir endlich zu begreifen, dass unsere Zeit auf dieser Welt, auf diesem Planeten, die Zeit miteinander, begrenzt ist? Das es absurd ist, diese Zeit mit Hass und Krieg und Ausgrenzung zu verschwenden, mit Systemen die nicht funktionieren, mit Ideologien die schlecht sind, oder nur für ein paar von uns gut. Nicht jeder von uns ist ein Ghandi, ein Einstein oder ein Malcom X. Oder Franz von Assisi. Ich bin ganz oft eher Extremist als Pazifist. Darum geht es aber auch nicht. Sondern es geht darum zusammen zu halten. Miteinander zu sein. Jeder für sich. Manchmal einer für alle, oftmals alle für einen. Ich singe den ganzen Morgen schon diese eine Zeile, mit der Stimme von Joan Baez im Sinn: „When will they ever learn…“ aus dem Lied von Pete Seeger (***).

Hört auf, im Großen und im Kleinen. Fangt an, im Kleinen. Dann wird es ganz groß. Irgendwann. Ich auch. Ich als allererstes……

(*) In Anlehnung an die Känguru Trilogie von Marc-Uwe Kling

(**) Wehre den Anfängen!

Diese Aufforderung, die oft in der Form „Wehret den Anfängen!“ zitiert wird, geht auf das lateinische „Principiis obsta“ des römischen Dichters Ovid in seiner Schrift Remedia amoris (Heilmittel gegen die Liebe) zurück. Sie sollen dem unglücklichen Verliebten helfen, sich wieder zu entlieben. Wenn die Beziehung schon fortgeschritten ist, solle der Verliebte sich an der Geliebten übersättigen, um überhaupt therapierbar zu werden.

„Principiis obsta. Sero medicina parata, cum mala per longas convaluere moras.“
„Wehre den Anfängen! Zu spät wird die Medizin bereitet, wenn die Übel durch langes Zögern erstarkt sind.“ (Quelle: Wikipedia.org)

(***)   Antiwwarsongs.org

 

Bob der Baumeister, Super Mario und Luigi

Ich kann jetzt jeden verstehen, der über Handwerker, Bauleiter und Konsorten schimpft. Pfusch am Bau, falsch gelegte Fußböden, Badezimmerfliesen die sich auf einmal in der Küche wiederfinden. Küchenmöbel, welche trotz genauen Abmessens auf einmal nicht mehr passen. Was mir früher beim Zuhören immer völlig übertrieben vorkam, vielleicht auch in Ermangelung eigener Erfahrung, bin ich von Haus aus doch eher die do-it-yourself Frau, kann ich nun vollends nachvollziehen und zu 100% verstehen was es heißt an einem Um- oder sogar Neubau beteiligt zu sein. Und zwar als Endkunde.

Die restlichen Arbeiten aus dem Umbau unseres Büro-Neubezuges sind nach fast zwei Monaten immer noch nicht abgeschlossen. Jeden Tag wird lustig weiter gestrichen, ausgebessert und nachpoliert. Leider oftmals nicht mit dem zu erwartenden Ergebnis. Was mich wahnsinnig macht. Da werden die neu bestellten Eingangstüren endlich eingebaut und da die natürlich nicht immer haargenau passen, wird der Türrahmen mit Naturholz verstärkt, mit Bauschaum und Isolierwatte abgedichtet und dann (Achtung! Achtung!) in und mit der Wandfarbe angepinselt. Mit. Der. Wandfarbe.

Dem Betrachter dieser Szene fällt schon beim ersten Pinselstrich auf, dass es einen frappierenden Unterschied zwischen den Farbtönen Polarweiß (Wand) und Cremeweiß (Tür) gibt. Von dem Farbton an sich mal ganz abgesehen, nimmt man für Wände ja meistens eine andere Farbe als für Türen und Rahmen. Aber nicht unser Mann vom Fach, der nicht nur nicht gut malert, sondern auch noch naseweis und unpünktlich ist. Dieser Herr streicht das Holz zu Ende, natürlich nicht ohne sämtliche andere Rahmen in unmittelbarer Nähe der neuen Tür, die eigentlich perfekt gewesen sind, nochmals überzumalen und versucht mir dann nach Abschluss seiner Arbeit weißzumachen (haha, Doppeldeutigkeit), dass es ja leider nicht anders möglich ist. Also den Türrahmen auch in der Farbe der Tür zu streichen, meint er. Das andere bemerkt er gar nicht.

Die Malerarbeiten sind das eine. Das andere ist, dass die neue Tür ein doppelt so breites Türblatt hat wie die alte und infolgedessen der Zylinder nicht mehr passt. Da aber der Bauleiter nicht mitdenkt und eventuell gleich einen neuen, längeren Zylinder mitbestellt, leben wir bereits seit letztem Freitag mit einer Tür, die nicht abzuschließen geht. Und wer denkt, dass die Gegensprechanlage nach Einbau der Tür auch gleich wieder funktioniert, der kommt höchstwahrscheinlich vom Mars. Oder von der Venus. Oder lebt in einem Paralleluniversum. Wer hat den Elektriker angerufen und ihn einbestellt? Na klar, der Kunde höchstpersönlich. Kann man ja mal vergessen, dass die Tür wieder unter Strom gesetzt werden muss. Kann man. Sollte man aber nicht.

Schön ist auch, dass der wackelnde Halter für das Toilettenpapier in einer der Waschräume nicht neu gebohrt, sondern mit Silikonpaste an der Wand verklebt wurde, mit dem Resultat, dass es einfach nur kacke aussieht. Aber: eine Sache weniger auf der Mängelliste. Ist doch erledigt! Die tollen Designabfallbehälter für die Waschräume können übrigens nirgendwo angebracht werden, aus Platzmangel. Daher hat man sie einfach unter den Waschtisch geschoben. Könnte dem Mieter ja nicht auffallen. Die engagierte Architektin hat aber sofort, nachdem ich sie gefragt hatte ob das ihr Ernst sei, neue passende Behälter nachbestellt. Muss man ihr ja mal zugute halten.

Mittlerweile liegen meine Nerven blank, denn ich habe neben der Aufsicht über die Handwerker noch meine Chefs für die ich Himmel und Erde in Bewegung halten muss, eine neue Kollegin, die ich einarbeiten darf und dann noch den ganzen anderen Rest meiner täglichen Arbeit. Und ich habe mittlerweile einfach keine Lust mehr, jeden Tag Termine mit Leuten zu vereinbaren, die einfach schlecht arbeiten. Der Maler ist mittlerweile täglicher Gast bei uns und ich habe das Gefühl, dass er für alles was er anfasst etwas anderes kaputt macht.

Ein Handwerker hat mich allerdings sehr beeindruckt. Der musste die Türschlösser und Beschläge für die neuen Büroglastüren, welche (natürlich) zunächst falsch bestellt und geliefert wurden, nachträglich einbauen und in jedem Büro noch Tür Stopper anbringen. Wir haben uns vor ein paar Wochen um 7:30 Uhr morgens hier im Büro getroffen, es ist ja nicht so, dass ich nicht auch persönlichen Einsatz gezeigt habe um alles möglich zu machen, dass die Mietung endlich fertig wird. Dazu gehört sogar für die Handwerker noch früher als sonst aufzustehen und auf der Matte zu sein. Die Herrschaften haben ja auch nie Zeit und eilen von Baustelle zu Baustelle und kommen meistens nie dann, wann man sie bestellt hat.

Pünktlich und dann auch noch innerhalb der geplanten zwei Stunden hat aber besagter gute Herr Super Mario mit seinem Luigi in 20 Büroräumen Löcher für die Tür Stopper gebohrt und auch noch alle Zylinder und Türbeschläge eingebaut. Und zwar korrekt und ohne, dass wir etwas bemängeln mussten. Er hatte auch ein paar Fragen und immer wenn ich sie ihm brav beantwortet habe sagte er: „Danke, Frau Mai!“ und machte sich an die Arbeit. Er brauchte seinen Kollegen nur kurz ansehen und der wusste sofort, wo er hinmusste. So viel Effizienz sieht man wirklich selten.

Beim gedanklichen Reinschreiben dieses Textes habe ich die Verbindung zu meiner Lebensbaustelle gezogen und bin darauf gestoßen, dass dort eigentlich auch sämtliche Gewerke vertreten sind: das engagierte Architekturbüro mit zwei wunderbaren Architekten, welche alles schön planen und aussuchen, Muster prüfen und eine wundervolle Idee vom Großen und Ganzen haben. Dann einen Handwerker, der fast nie Zeit hat und total gestresst von einem Projekt zum nächsten huscht. Einen oftmals überforderten Bauleiter, der nur noch mit dem Kopf schüttelt, weil irgendwo schon wieder etwas übersehen wurde und ein neues Loch aufgetaucht ist, das da irgendwie nicht hingehört. Der alle Mühen hat, die Bauarbeiter nochmals dran zu bekommen um die Mängel zu beheben und der eigentlich schon lange mit dem Rohbau fertig sein und die Baustelle übergeben haben wollte. Und dann den fleißigen Luigi, der sofort mit der Bohrmaschine zur Hand ist und alles versucht richtig zu machen wenn Super Mario ruft.

Ich stolpere jeden Tag auf dieser Baustelle herum und halte immer noch den großen Hammer in der Hand, bereit alles einzureißen und neu anzufangen, weil ich einfach keine Geduld habe. Bis ich merke, dass das Fundament auf dem ich stehe und auf dem ich zusammen mit dem oftmals verplanten Handwerker bauen möchte stark genug ist und keinerlei Ausbesserungen mehr braucht. Der Grundstein ist gelegt, die Bodenplatte gegossen. Ohne Löcher im Beton, schön, fest und glatt. Bevor das Haus steht, braucht es einfach noch ein wenig Zeit, Ruhe und ganz viel Gelassenheit. Aber auf jeden Fall Zeit.

Und Super Mario. Der macht mit Luigi dann alles wieder gut.

 

 

Alleinsein

Gestern Nacht bin ich aufgewacht und hatte einen einzigen Gedanken im Kopf.

Ich bin allein. Ganz allein.

Es gibt sicherlich viele Definitionen von Alleinsein. Viele sind positiv gestimmt, wenn man zu sich selbst finden soll, man manchmal alleine sein möchte, ganz für sich. Um abzuschalten, keine Störung von außen mehr zu ertragen. Um zur Ruhe zu kommen. Alleinsein als Weg zu sich selbst. Alles prima. Alles gut. Auch ich kenne diesen Weg, beschreite ihn manchmal und werde ihn zum Jahresende auch noch mal ganz bewusst und intensiv gehen.

Und dann gibt es dieses drängelige, quengelige, nervige Alleinseingefühl. Dieses Jammertal, was man immer dann hat, wenn es am wenigstens passt. Wenn man einfach in den Arm genommen werden möchte, wieder unbeschwert durch die Gegend laufen will und gerade niemand da ist, der einen umarmt. Wenn gerade jetzt keiner Zeit hat. Wenn man meint, Zuneigung und Aufmerksamkeit zu brauchen, obwohl man sie hat und auch weiß, dass sie unbegrenzt da ist. Das ist ja das Paradoxon, man ist eigentlich gar nicht alleine, aber es fühlt sich eben in solchen Momenten so an oder vielleicht ist einfach grade nicht genug Aufmerksamkeit da. Ich bin ein Mensch, der diesem Drängen dann aber auch nicht nachgibt und ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit einfordert und es sagt, sondern ich muckel mich ein und bin allein und werde immer alleiner und einsamer und muckeliger und das Drängen hört nicht auf, das Quengeln wird immer mehr und und und…..

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Das Gefühl welches ich heute Nacht hatte, war aber nochmal eine Spur größer, intensiver. Tiefergehend, ganz bis auf den Grund meiner Seele und hat mein Gehirn und meine Gedanken wie ein Schlag getroffen. Ich bin allein. Ich habe keine Familie mehr. Ich habe keine eigene Familie. Ich bin allein.

Ich habe keinen Ort mehr, an dem ich Unterschlupf finden kann, wenn meine kleine Welt zusammenbricht. Da ist kein Elternhaus mehr, in das ich gehen kann wenn es hart auf hart kommt. Keine Mutter mehr, bei der ich einfach nur weinen kann, wenn es eigentlich nichts zum Weinen gibt, die Tränen aber trotzdem irgendwoher kommen. Wenn Freunde grade nicht da sind. Nicht bei mir sind. Nicht telefonisch erreichbar sind. Gerade selbst so viel um die Ohren haben, da will man ja als Muckel nicht stören. Gute Freunde habe ich. Aber das ist nicht dasselbe.

Es ist dieses Bewusstsein der Endlichkeit, das mich lähmt. Das mich unlustig macht und grade zutiefst traurig. Dem ich ausgeliefert bin und dem ich mich nicht entziehen kann. Ich bin jetzt schon, mit Mitte Vierzig, wirklich ganz, ganz alleine auf der Welt und es  gibt nichts mehr, dass diesen Zustand ändern kann. Ich vermisse meine Mutter so sehr, dass es weh tut.

Ich vermisse ein Zuhause, den Ort an dem immer das Licht brennt, wenn man abends heimkommt. Der Ort, der einem immer ein gutes Gefühl gibt, auch wenn man sich selbst nicht gut genug ist. Der Ort, an dem einen nie langweilig ist, weil man auf der Stelle zur Ruhe kommt und so sein darf, wie man ist. An dem man sein Gepäck einfach hinstellen kann und loslässt. Der Ort an dem auch gekämpft, gestritten und debattiert wird. Der Ort an dem in jedem Fall aber immer bedingungslose Liebe herrscht. Der Ort, der die Sehnsucht stillt.

Ich finde gerade kein positives Schlusswort, sonst haben meine Texte ja meistens noch ein gutes Ende. Ich bleibe voller Sehnsucht. Vielleicht ist das momentan das Positivste, das ich sagen kann…….

Eisenbahnnostalgie

An einem Samstagmorgen um 7:00 Uhr wach im Bett zu liegen und einem vertrauten Geräusch nachhören. Dabei in Gedanken ganz viele Fäden weiterspinnen, vom Hölzchen aufs Stöckchen kommend sozusagen, vom hundertste ins tausende – was für ein Luxus.

Ich lebe fast genau seit acht Jahren in einer schönen Wohnung in, für meinen Stadtteil, prominenter Lage fast mitten in der Stadt, allerdings auch nur einen Steinwurf vom Bahnhof entfernt. Und die Gleise der Hochbahn Hamburg sowie der IC-Trasse zwischen Hamburg und Berlin führen direkt hinter meiner Terrassentür an meinem kleinen Gärtchen vorbei. Im Sommer, bei abendlichen Gesprächen im Gärtchen, beim Grillen oder Weinschlürfen, ist das immer sehr komisch, wenn man mitten im Gespräch für ein paar Sekunden, oder vielleicht auch mal für eine Minute, wirklich nichts mehr versteht und aufhören muss zu sprechen, weil die Güterzüge vorbeirumpeln. Auch die Durchsage „Achtung auf Gleis 2. Vorsicht, eine Zugfahrt“ bringt immer wieder Erheiterung.

Mich stören weder S-Bahn noch Züge und zum Glück liegt mein Schlafzimmer zum Lichthof und nicht nach hinten raus. Tatsächlich höre ich die Züge noch immer, es ist nicht so, dass ich jetzt durch die Gewohnheit umgebungstaub geworden bin. Tatsächlich mag ich es, wenn eine S-Bahn bereitgestellt wird und rumpelnd über die Gleise fährt und ich mag auch die Lichtblitze der Oberleitungen bei schlechter Witterung.

Am schönsten finde ich aber das Geräusch eines ganz bestimmter Zuges. Dem Eurocity auf der Fahrt nach Budapest Keleti-Pu, über Praha hl.n. Der Zug hält nämlich in Hamburg-Bergedorf und da er auch über Berlin fährt, bin ich schon des Öfteren mit diesem wunderbaren Zug gefahren, wenn ich ganz besonders früh in der Hauptstadt sein wollte. Macht man am Wochenende ja auch nicht immer ganz so freiwillig, gerne schläft man ja auch etwas länger. Aber da ich bekanntermaßen zu den frühen Vögeln gehöre, nehme ich halt manchmal auch diesen Nostalgiezug.

Das Besondere an diesem Zug ist zum einen, dass er beim Anhalten ein ganz bestimmtes Summen hat und er kommt auch nie mit quietschenden Rädern zum Halten. Er schleicht sich fast in den Bergedorfer Bahnhof ein und wenn ich zuhause bin und ich die Uhrzeit richtig abpasse, schleiche ich kurz auf die Terrasse, nur um dieses Geräusch zu hören und einen kurzen Blick auf die erleuchteten Waggons zu erhaschen. In diesem Zug sind die Decken der Großraumwagen nämlich mit Teppich ausgekleidet. Nicht, dass ich das jetzt von meiner Terrasse aus sehen könnte, so nah ist der Bahnsteig dann doch nicht, es ist nur das Wissen darum, dass da jetzt Menschen in diesem schönen Zug vorbeifahren, vielleicht sogar bis zur Endstation und heute Abend in Budapest sind, eine Stadt die ich vor fast 30 Jahren kennen lernen durfte. Leider habe ich es bis heute nicht mehr geschafft, wieder dorthin zu fahren. Budapest, eine Sehnsuchtsstadt.

Die Sitze in diesem Zug sind viel bequemer als die in einem IC der Deutschen Bahn. Sie sind größer, breiter. Es ist in diesem Zug nicht nach sozialistischer Mangelwirtschaft eingerichtet worden, sondern eher fast verschwenderisch. Ohne prunkvoll zu sein, ehrlicherweise ist der Zug auch schon etwas in die Jahre gekommen und die Farbgebung des Teppichs war irgendwie nie modern. Senfgelb und Himmelblau.

Heute morgen jedenfalls, als ich kurz vor Sieben von selbst aufgewacht bin, hörte ich das vertraute Geräusch des haltenden Zuges, habe mich darüber gefreut und meine Gedanken sausen lassen. Zu berühmten Zugszenen aus der Literatur und aus Kinofilmen. Eine Dame verschwindet. Der Pate (die Szene, wenn der Zug an dem Bahnhofschild Corleone vorbeifährt). Anna Karenina. Casablanca. Die Szene aus der Rotkäppchensekt-Werbung (‚tschuldigung).

Für noch mehr Eisenbahnromantik in Filmen empfehle ich diesen Internetlink.

Heute Morgen war ich zu faul aus dem warmen Bett zu hüpfen und den Zug zu betrachten. Aber der Gedanke ans Verreisen, an Landschaften die am Fenster vorbeiziehen, an Zeit die man dann einfach haben muss, bringt mich zum Lächeln. Vorfreude auf das Reisen. Ziele haben. Ankommen. Sehnsucht.

Ich glaube, ich habe mein nächstes Städteziel gerade definiert.

Schirmchencocktail

Mein Inneres Kind lehnt sich, bekleidet mit Sonnenbrille und Strohhut, in seinem Liegestuhl zurück, schlürft an seinem Fruchtcocktail mit Papierschirmchen und lächelt mich an. Es ist ein ganz vorsichtiges Lächeln, noch etwas unsicher, ob das alles auch so auch in Ordnung ist. Wir hatten heute Morgen eine Diskussion darüber, was es sagen und empfinden darf. Und ich konnte ihm endlich zusichern und die Gewissheit geben, dass ich seine Bedürfnisse ernst nehme und sie höre. Die blaue Sonnenbrille glänzt in der Sonne. Mein Inneres Kind schaut gespannt auf das Meer, wackelt vorsichtig aber vergnügt mit den Zehen und fängt an, sich mit der neuen Situation anzufreunden. Ich kann zusehen, wie es sich immer behaglicher und komfortabler fühlt. Ich betrachte es und bin gerührt und stolz zugleich. Gerührt, weil es so zerbrechlich, klein und immer noch etwas schüchtern wirkt. Stolz, weil ich es endlich geschafft habe, ihm das zu geben, was es braucht.

Als ich auch physisch noch ein kleines Kind gewesen bin, gab es bei uns in der Stadt einen Laden mit Namen „Japan von Merkl“, ein Schwesterladen vom örtlichen Musikalienhändler „Musik von Merkl“, wobei das „von“ keine Präposition darstellt, sondern Adelsprädikat derer von Merkl ist. Das habe ich als Kind nicht gewusst und dachte immer es gebe da Musik von Merkl. Wer oder was Merkl ist, war mir damals nicht so wichtig. Im Musikladen habe ich immer meine Notenheftchen gekauft und ganz stolz irgendwann eine echte Mollenhauer C-Blockflöte aus Birnbaum mit Doppelloch. Zu „Japan von Merkl“, der lustigerweise damals  in der Straße war, neben der ich jetzt wohne, ist meine Mutter oft mit meiner Schwester und mir hingegangen. Gab es da doch die von uns so heißgeliebten chinesischen Samtschuhe mit dem Spangenverschluss an der Seite. Ich kann nicht mehr zählen, wie viele Paare ich von denen in meiner Kindheit und Jugend verschlissen habe. Ich habe mir aus Nostalgiegründen vor ein paar Jahren wieder ein Paar gekauft, allerdings steht es seitdem im Schuhregal, ohne dass ich es je angezogen hätte.

Bei „Japan von Merkl“ gab es damals neben besagten Samtschuhen auch Papierschirmchen, allerlei chinesischen Tinnef wie Nadelkissen mit kleinen Chinesen um das Polster herum, es sieht so aus, als ob die das Kissen festhalten, chinesische Holzanhängerfiguren und Tee. Es roch immer ganz phantastisch, nach Kirsche und anderen Aromen. Es gab auch asiatische Lampions und kleinere Bambusmöbel. Ich liebte diesen Laden und fand es immer spannend, durch den Laden zu stöbern. Aber besonders schön fand ich die kleinen Papierschirmchen, die man heutzutage ja fast überall bekommt. Aber damals waren sie etwas Besonderes. Ich glaube, daher habe ich ein leichtes Faible für Schirmchendrinks, nicht weil ich Cocktails mag, eher nicht, aber wenn irgendwo auf einem Getränk ein Papierschirmchen thront, freue ich mich immer ein zusätzliches Loch in den Bauch.

Mein inneres Kind ist mittlerweile in seinem Liegestuhl eingeschlafen. Ich bin ganz glücklich und immer noch entspannt. Ich werde es schlafen lassen, es nicht aufwecken um zu fragen, ob alles in Ordnung ist. Ich kann fühlen und sehen, dass es ihm jetzt mal gut geht. Es wird sicherlich irgendwann wieder zornig vor mir stehen oder auch ganz still im Dunkeln in seiner Ecke sitzen, wohin es sich verzogen hat, weil ich partout nicht das sehen und hören will, was es wünscht. Oder wieder einmal genau das Gegenteil von dem mache, was ihm und mir eigentlich gut tut. Ich werde ihm mal vorschlagen, dass es sich nicht gleich gänzlich vor mir zurückzieht, sondern auch einfach mal stehen bleibt. Damit ich es immer vor Augen habe und dann gleich sehen kann, ob es glücklich oder traurig ist.

Ich glaube, das mit uns kann noch was werden.