Der Geek, der mich liebt(e)..

„You know, there are People saying that Video Games could generate bad in people, with all the shooting scenes and the killing and so on. They say, that People playing Video Games become evil in real life sooner or later.“ Der sportlich gekleidete jung-dynamische Fünfzigjährige will gerade Luft holen, um weiter zu sprechen. Aus dem Publikum ruft jemand laut und vernehmlich „Kill these People!“ Das restliche Auditorium lacht und klatscht spontan Beifall. Der fünfzigjährige Tommy Tallarico schmunzelt und fährt fort, über die kreative Branche rund um die Spieleindustrie zu fabulieren, um dann nahtlos zum hinter ihm sitzenden Hungarian Studio Orchester, ein kleines Symphonieorchester mit dazugehörigem Chorensemble, überzuleiten.

Wo bin ich und was mache ich hier? Mit Video Games und Daddelkrams habe ich noch nie was zu tun gehabt und habe es auch nie wirklich ernsthaft ausprobiert. Ich habe überhaupt kein Faible dafür, es ist für mich total uninteressant. Ich weiß noch, dass ich mal versucht habe Moorhuhn zu spielen, das war ganz lustig, bis eine Freundin mir über die Schulter schaute und meinte „Wie grausam, Du schießt Hühner ab und freust Dich darüber?“ Sie war (und ist) Vegetarierin. Wenn ich in öffentlichen Verkehrsmitteln Leute sehe, die Candy Crush oder FarmVille oder so spielen, törnt mich das überhaupt nicht an. Da gucke ich lieber aus dem Fenster und langweile mich aktiv, oder lese ein Buch oder eine Zeitschrift. Mich derart von der echten Welt abzuschotten ist einfach nicht meins. Aber: Ich liebe Filmmusik und besitze auch eine kleine, aber feine Mini-Sammlung von Soundtracks zu meinen Lieblingsfilmen. Ob James Bond Themes oder Walt Disney Filme, Jenseits von Afrika, Cinema Paradiso, Speed oder Prince of Tides, hach.

Als der Bagelmann vor einiger Zeit mal wieder eine seiner Daddelsessions absolvierte und ich ihn, während er im gemütlichen Sessel saß, hin und wieder umschiffte, bemerkte ich die schöne Hintergrundmusik seines Games. Ich bin was das Daddeln angeht glaube ich einigermaßen entspannt und auch tolerant. Jeder hat sein Hobby und ich finde das sogar auch ganz interessant. Dieser Mikrokosmos hat so viele Facetten, die mir so fremd sind, dass ich immer noch dazulerne, auch wenn ich nicht aktiv dabei bin. Es kommt schon vor, dass ich mal lästere und spitze Bemerkungen darüber fallen lasse, wie er nach einer stundenlangen Abwesenheit aus der Wirklichkeit wieder auf dieselbige wirkt und wie schwer es ihm fällt, sich wieder einzugliedern. Er merkt das überhaupt nicht und findet sich alles andere als „unnormal“. Aber mich nervt seine „Verpeiltheilt danach“ schon manchmal. Vielleicht bin ich auch einfach zu kritisch. Die Spiele, bei denen ich ihm über die Schulter geguckt habe bisher, fand ich echt zum Teil total toll, episch, schön gemacht und es hat für mich oft eine beruhigende Wirkung, wenn er spielt und ich auf dem Sofa rumlümmel und lese oder sonst was mache. Was zu einem großen Teil an der Musik liegt.

Wir sprachen also über die Musik und der Bagelmann erzählte mir, dass es Video Games Komponisten gäbe und dass es sogar Konzerte gibt wo nur Video Games Musik gespielt wird. Ich als alte Soundtrackliebhaberin war natürlich sofort Feuer und Flamme und guckte heimlich nach, wer so was wann und wo veranstaltet. Das war im Februar diesen Jahres und als ich sah, dass im November die Video Games live Show nach Deutschland kommt, bestellt ich gleich zwei Karten und freute mich über die Überraschung für meinen Geek. Und dann war es gestern endlich soweit, der Bagelmann und ich saßen in Hamburg auf unseren Plätzen im Theater am Großmarkt (für mich eine Premiere, ich hatte bisher nur von diesem neuen Veranstaltungsort gehört) und harrten der Dinge, die da kommen würden.

Vor drei halbwegs großen Leinwänden saß das besagte ungarische Symphonieorchester und dahinter waren ca. 8 Sänger aufgebaut, eher im Hintergrund, aber es gab genügend Richtmikrophone, damit die Stimmen auch gut nach vorne getragen würden. Nach lustigen Einblendungen von Ladebalken und Sprüchen wie „Loading Video Games live – press button to resume“ oder so, begann die Show mit einem fulminanten Gitarrensolo, vollführt von Tommy Tallarico, der Mann der über 300 Video Game Soundtrack komponiert hat und dessen Lieblingsspiel und Soundtrack „Earthworm Jim“ ist, natürlich von ihm komponiert. Die Show, die dann folgte war kurzweilig und lustig, auf den Leinwänden wurden kleine Filmchen aus den Video Games gezeigt auf die dann das Orchester die Musik spielte. Das war super, punktgenau, Musik und Film praktisch eine Symbiose, wenn im Film geballert wurde, knallte die Pauke und die Trompete und wenn es mal eine ruhige, sogar romantischen Videosequenz gab, kamen die Streicher und die Harfe zum Glänzen. Es waren alles kleine Trailer und irgendwie kam es mir so vor wie Werbefilmchen für die Schönheit von Video Games.

Ich dachte, mein Freund würde bei jedem Song Tränchen der Freude verdrücken und in Erinnerungen schwelgen, wann er wo welches Game gespielt hat und welchen Level er freigeschaltet bekommen hat in seinen nächtelangen Sessions und im Laufe seiner Gamerkarriere. Tatsächlich mussten wir beide am Ende laut lachen, denn von den ca. 18 Songs bzw. Spielen die in der Show gezeigt wurden, hat er nur drei (3, trois, three, 三つ) selbst gespielt. Es war soooo lustig, jedes Mal wenn nach einer immer amüsanten und gelungenen Einleitung durch Tommy (ein echter Entertainer und wirklicher Showman, der humorig und launig reden kann und auch auf Zwischenrufe vom Publikum jederzeit souverän reagiert hat) dann das Spiel eingeblendet wurde und ich mich freudestrahlend zum Bagelmann drehte, ob es dieses Mal nun ein Volltreffer wäre, er aber nur bedauernd den Kopf schüttelte, machten wir uns schlussendlich einen Witz daraus und ich habe ihn zum Anti-Gamer erklärt. Tatsächlich war die Auswahl an Musik und Video Games sehr Nin****o lastig und das hat mein Geek nie gespielt und wird es auch wohl nicht spielen. Die Auswahl der Showelemente variiert wohl immer, das finde ich ganz cool an dem Event. Tatsächlich war es aber eher eine Werbeveranstaltung und wer sich die offizielle Webseite der Video Games live ansieht, bemerkt das auch schnell.

Etwas fassungslos war ich von der zweiten Zugabe. Auf einmal hatten die einen Special Guest auf der Bühne: den Sänger des Originalsoundtracks von Pokémon. Der ebenfalls sportlich gekleidete Jason Paige warf bunte Pokémon Bälle ins Publikum, welches auf einmal außer Rand und Band war. Alle Geeks und Geekinnen sprangen plötzlich von Ihren Sitzen und feierten einen, wie ich fand, eher unversöhnlichen Abschlusssong einer ganz guten Show. Dieser Song hatte tatsächlich das Niveau eines japanischen Zeichentrickfilmsongs, was Pokémon natürlich auch ist, aber das Lied von den Schlümpfen oder Heidi singe ich aus Spaß natürlich auch mal mit, aber so was dann als Highlight und Abschluss eines Abends mit einem gut eingespielten und begabten Film-Symphonieorchesters zu hören, da war ich tatsächlich mal ein paar Kilometer auf dem Heimweg auf der Autobahn sprachlos.

Und das zu Recht!

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Nasenfaktor

Ich bin seit meiner Jugend ein Nasenfan. Ich habe sogar früher behauptet, ich sammele Nasen. Das fand meine frühere beste Freundin Jule so lustig, dass sie mir mal einen Brief geschickt hat auf dem einer Briefmarke prangte, auf der die Nase von Michelangelos David gedruckt war. Einfach mal den Text hier in die Suchmaschine eingeben, dann seht Ihr die Ergebnisse. Und wisst auch ungefähr das Jahr in welchem sich beste Freundinnen noch ganz altmodische Briefe gesendet haben und Postkarten und so. Ich glaube, den Brief habe ich sogar irgendwo noch in meiner Sentimentalo-Kiste.

Nasen fand ich wirklich immer toll und hübsch, irgendwann hörte die Obsession zwar auf, ständig auf die Nasen anderer Leute zu gucken und mich daran zu entzücken und ich wurde ruhiger. Aber, nach wie vor finde ich Nasen und Füße am Menschen sehr interessant und freue mich immer, wenn ich besonders schöne Exemplare (besonders bei letzteren!) sehe. Irgendwie sammele ich doch immer noch.

Ich finde auch den Nasenfaktor total wichtig. Wen oder was man gut riechen kann. Ich glaube auch von mir behaupten zu können, ein ziemlich gutes Nasen- oder Bauchgefühl zu haben und folge diesen auch oft. Womit ich momentan immer schlechter umgehen kann ist aber, wenn ich merke, dass sich gar nichts mehr nach meiner Nase dreht.

Ich sehe schon vor meinem inneren Auge, wie der ein oder andere Leser hörbar die Luft einzieht und denkt: „Was für eine Dramaqueen.“ „Schrullige Alte.“ „Herrje, der Bagelmann hat nix zu lachen bei der.“ Dabei meine ich das gar nicht so absolutistisch, wie es sich anhört. Le nez c’est moi! Ganz im Gegenteil. ICH sorge dafür, dass meine Nase gerade arbeitslos ist, weil sich gefühlt so ganz und gar nix um sie dreht. Und das auch nur, weil ich mich permament um alles andere drehe. Ich drehe mich im Büro um meine Chefs und Ihre Belange. Privat drehe ich zuhause den Rührlöffel um und den Staubsauger auf, ich sorge dafür dass die Waschmaschine und der Trocker ihre Trommeln drehen. Ich drehe im Kreis, damit wir dieses und jenes machen und tun.  Im vergangenen Jahr hat sich noch nicht mal mein Arbeitsweg nur um mich gedreht, sondern ich musste mich immer drehen und wenden, wie die Deutsche Bahn und die BSAG es wollten. Ob ich Lust dazu hatte, oder nicht.

Meine Nase soll endlich mal wieder der Mittelpunkt meines Lebens sein. Wobei ich mir wirklich die Frage stelle, ob das schon jemals der Fall gewesen ist? War ich und mein Zinken schon jemals das Maß meiner Dinge? Das Fürsorgen liegt mir im Blute, ich bin eine Kümmerin und mache gerne ganz viel, damit sich andere wohlfühlen. Ich mache auch gerne was für mich, damit ich mich wohlfühle. Aber leider viel zu selten. Und das rächt sich. Und wie!

Darf ich sagen, dass ich glaube, dass es nicht nur mir so geht? Ständige Überforderung und gefühlte Überlastung durch Selbstaufgabe ist ein Phänomen, welches nicht selten vorkommt. Zum Glück kann ich darüber schreiben und damit versuchen, alles ein wenig humorvoll zu nehmen. Aber seine eigene Nase so ganz zu vernachlässigen, das ist einfach nicht gut. Ich weiß das. Eigentlich. Hach.

Allez les nez!

Apfelkuchentag

Es ist Freitagnachmittag, 17 Uhr und ich bin zuhause. Nicht nur das, ich bin schon zuhause und habe auch schon diverse Erledigungen gemacht. Nach der Arbeit. Ohne Urlaub. Ich habe schöne Sachen für diesen Nachmittag geplant gehabt: Apfelkuchen und Kartoffelbrot backen zum Beispiel. Wir sind morgen bei einem Teil der Familie des Bagelmannes zu einem Sommerfestchen eingeladen und ich habe mich aufgedrängt, auch etwas kulinarisches beizusteuern. Anstatt aber die Rührschüssel und den Apfelschäler zu schwingen, liege ich im Bett und denke über mich nach. Okee, zugegeben, mittlerweile sitze bzw. hänge ich in unserem neuen Relaxsessel im Wohzimmer ab, um hier zu schreiben. Weil es noch bequemer ist. Und weil es näher zur Süssigkeitenschublade ist.

Warum ich das alles mache anstatt der anderen tollen Dinge, die ich eigentlich vorgehabt habe? Weil ich mich eben aufgeregt habe. Uffjerescht, abba sowatvon. Und das kam so.

Heute nach der Arbeit bin ich gleich losgedüst um die letzten Lebensmittel für Apfelkuchen und Gedöns einzukaufen. Äpfel zum Beispiel. Und da bei uns Rotweinknappheit herrschte, auch gleich noch zum Rotweingroßhändler meines Vertrauens. Lecker. Dem Bagelmann habe ich eine Tüte Guten-Morgen-Saft mitgebracht. Der freut sich bestimmt, die alte Saftschorle. Dann weiter zur Autowaschanlage, mein Auto quietscht nämlich beim bremsen. Der Automechaniker meines Vertrauens hatte mich beruhigt und meinte lakonisch: wenn das Pedel vibriert, sind die Beläge runter. Wenn es so quietscht, ist es meistens nur Sand. Also Blacky (so heißt mein Auto) heute mal mit einer Unterbodenwäsche schrubben lassen und siehe da: Quietschen ist (fast) weg. Auf dem Rückweg nach Hause, bin ich dann ins Grübel gekommen. Ich hatte heute Vormittag in einem Meeting eine andere Meinung zu einem Sachverhalt als einer meiner Vorgesetzten. Da habe ich mich, leider in erster Instanz erst einmal erfolglos, auf die Hinterbeine gestellt, mich bzw. meine Argumentation aber nicht so vielversprechend herübergebracht, wie ich es gerne gehabt hätte. Daher dachte ich nun immer noch darüber nach. Was wäre wenn ich das eine so oder das andere so gesagt hätte….oder doch eher dann das so…und dann im nächsten Satz so……

Ich kam gedanklich vom Hölzchen aufs Stöckchen und gondelte geruhsam heimwärts. Ich muss dazu sagen, die Straße in der ich wohne ist eine 30-er Zone, eine schöne geschwungene und auch an einigen Stellen recht enge Alleenstraße in Bremen-Oberneuland. Vor mir fuhren zwei ältere Damen auf der Straße mit dem Fahrrad, auch nicht ganz geradeaus, eher Schlangenlinien. Sie zu überholen machte keinen Sinn, da die Kurven vor mir nicht einsehbar waren. Also fuhr ich noch ein wenig entspannter und hing weiter meinen (trüben) Gedanken nach. Im Rückspiegel beobachtete ich einen Autofahrer, der es wohl eiliger als der Rest der Gesellschaft hatte. Er saß mir nämlich fast schon im Kofferraum. Irgendwann, ich war gerade gedanklich beim „Abhaken“ des morgendlichen Meetings angekommen, fuhr der Wagen hinter mir auf einmal links raus und versuchte mich an der engsten Stelle zu überholen. Vor mir also die schunkelnden Ladies auf Ihren Zweirädern, eine Kurve und eine nicht einsehbare Gegenspur. Ich war sofort auf 180, also nicht ich und mein Auto, sondern ich und mein Gemüt. Ich polterte und gestikulierte los und lies mich fast abdrängen und in den Graben fahren. Ich schimpfte wie ein Rohrspatz.

Der Überholer drängelte sich zwischen mich und die Radfahrerinnen und bremste scharf. Ich musste also noch mehr in die Eisen gehen und schimpfte immer weiter und immer weiter. Bei der Hitze, Blacky hat keine Klimaanlage, hatte ich natürlich beide Fenster offen. Den Anwohnern von Horn-Lehe bis zum Borgfelder Marktplatz konnten auch bei geschlossenen Fenstern mehr als deutlich von mir erfahren, was ich von dem Tüppen vor mir und seinen Fahrkünsten hielt. Kurz darauf fuhr der Autofahrer rechts ran und ich fuhr links neben ihn. Meine Fenster waren ja schon offen, daher hielt ich mich nicht lange mit süffisantem Herunterkurbeln der Scheibe auf und motze weiter, wen er denn außer sich noch alles gefährden möchte mit solchen Aktionen, nicht nur mich und sich, sondern auch die Radfahrer. Und ob er wüsste, dass das hier eine 30-er Zone wäre und überhaupt…..motz, motz, pöbel, schnaub-vor-Wut!

Tüppi schaute mich fast beleidigend teilnahmslos an und sagte: „Warum schreist Du so?“

Diese vier Worte genügten. Ich klappte meinen Mund zu, schaffte es zwar noch, ihm einen sehr missbilligenden Blick zuzuwerfen, bin dann aber die letzten paar hundert Meter bis nach Hause gefahren und habe die Einkäufe nach oben geschleppt. Dann bin ich unter die Dusche gegangen und habe mich aufs Bett geworfen. Und da lag ich bis eben. Und habe über mich nachgedacht.

Warum habe ich mich aufgeregt, herumgepöbelt, ja ok, geschrien vielleicht auch. Kann er doch überholen, so oft und wen oder was er will. Klar, er hat mich in Bedrängnis gebracht und klar, ich musste seinetwegen bremsen und klar, solche Tüppis die sich an wenig Regeln im Straßenverkehr halten, nerven. Aber ist das ein Grund, laut zu werden? Nein, ist es nicht. Laut zu werden ist doof. „Wer schreit hat Unrecht“ war ein geflügeltes Wort in meiner Kindheit, welches ich wenn mich der Jähzorn überwältigte, sehr oft gehört habe.

Noch heute ist es so, dass ich meinen Gefühlen, den guten und auch den schlechten, durch Lautstärke Gewicht gebe. Ich glaube, dass ich es oftmals gar nicht merke, dass ich immer lauter und energischer werde. Das jetzt aber ein völlig Fremder, auch wenn er nicht ganz koscher gewesen ist in seiner Handlung, mir das so unverblümt sagt, und damit einen Nagel auf meinem Kopf trifft, lässt mich immer noch inne halten. Und reflektieren. Und still sein.

Der Teig für den Apfelkuchen ist bestimmt zur Genüge gegangen jetzt. Ich mache den jetzt mal fertig. Kneten hilft. Äpfel schälen vielleicht auch. Vielleicht putze ich nachher noch. Das hilft immer…..

 

Nackte Tatsachen

In meiner Kindheit gab es zur Sommerzeit viele Rituale. Mit einem gut gefüllten Picknickkorb ins Schwimmbad oder ins Sommerbad gehen. Auf dem Balkon unter einem riesengroßen (aus der Kinderperspektive gesehen) Blümchenmustersonnenschirm mit weißen Troddeln am Rand und auf der von meinem Papi gedrechselten grünen Balkonbank herumlungern und mit meinen Barbiepuppen spielen zum Beispiel. Jene grüne Bank ist übrigens nach über 40 Jahren noch immer in meinem Besitz und lungert momentan ziemlich alleine auf unserem Balkon herum. Ein weiteres Ritual war sehnsüchtig auf den Eismann zu warten und wenn er kam sich strategisch unter das Küchenfenster zu stellen und in den 6. Stock hinaufzubrüllen: „Mammaaaaaaa, kann ich 30pf haben?“ Und wenn meine Mutter dann den Kopf aus dem Fenster steckte, schon die Ärmchen ausstrecken und darauf warten, bis das Geld in einem kleinen Tütchen vom Himmel plumpste.

Da meine Mutter ja, wie bereits erwähnt, eine wirklich tolle Hausfrau und Küchengöttin war, die wirklich alles selbst kochte und sogar vor selbstgemachtem Tomatenketchup nicht zurück schreckte (wir als Kinder schon, denn irgendwie schmeckt der Ketchup sehr weihnachtlich, da Mutti die Prise Nelken etwas überdosiert hatte), kochte Sie natürlich auch selbst Marmelade ein. Da gab es Marillenmarmeldade, Pfirsich-Ananas war auch in einem Jahr ein großer Hit, Brombeermarmeladen ebenfalls. Sie hat sich glaube ich sogar mal an Apfel-Banane versucht, das war dann aber eher ein Ausrutscher. Immer wieder gab es auch ihre ganz eigene und daher berühmte Kirschmarmelade, die immer viel zu flüssig gewesen ist und daher meistens nicht für das Butterbrötchen, sondern eher als Kompottersatz herhalten musste. In Quarkspeise eingerührt, himmlisch! Jedes Jahr aufs Neue versuchte sie es, der Kirschmarmelade eine festere Konsistenz zu geben, so ganz ist das nie gelungen. Das machte aber gar nix, denn das war in meiner Erinnerung trotzdem die leckerste Marmelade der Welt. Um allerdings die ganzen Kirschen für die Marmeladenversuchsküche auch entsteint zu bekommen, gab es bei uns das Kirschen-Entsteinen-Ritual. Ok. Das Nackt-Kirschen-Entsteinen-Ritual.

Meine große Schwester und ich wurden von meiner Mutter Jahr für Jahr dazu verdonnert, die diversen Kirschsorten zu entsteinen. Wir mussten schon hin und wieder in der Küche mithelfen, zwar selten, aber bei solchen zeitaufwändigen Dingen, durften wir schon mal ran. Kirschen zu entsteinen macht ja eine Höllenarbeit und vor allem einen Höllendreck. Fruchtsaftflecken auf Klamotten waren damals noch der größte Graus für eine Mutter. Fast so schlimm wie Gras- oder Kaffeeflecken. Rotwein haben wir ja damals noch nicht getrunken. Wer also schon einmal selbst Kirschen entsteint hat weiß wie die Dinger spritzen können und bis man den Stein herausgepult hat, ist manche Kirsche schon etwas Matsch und der Saft klebt an Mensch und Wand. Mutti hatte auch keinen Profi-Entsteiner, wie man ihn heutzutage hätte, sondern behalf sich mit der guten alten Haarnadel. Oder, sie behalf uns. Denn wir waren zur Kirschmarmeladenkochzeit Ihre Küchenknechtchen und zu diesen Zweck saßen meine Schwester und ich dann immer mit nackigem Oberkörper in der Küche vor unseren Kirschschüsseln und mit je einer Haarnadel bewaffnet und haben den Kirschenkernen den Garaus gemacht. Da meine Mutter total praktisch veranlagt war, es ja auch Sommer war und somit warm und wir, im Gegensatz zu unserer Kleidung, gut abwaschbar waren und uns Kirschsaftspritzer nicht so viel anhaben konnten, saßen wir kleinen Rollmöpse halt nackig in der Küche rum.

Ich weiß noch, als in einem Jahr spontan eine Freundin meiner Schwester aus der Nachbarschaft vorbeikam und Mutti sie einfach ohne Ankündigung bis in die Küche durchschickte, wo wir grade nackig mitten in 2 Kilo Kirschen saßen und auch schon gut mit Kirschsaft vollgesprenkelt waren. Auf unsere peinlich-berührten Piepser reagierte Mutti gar nicht, ihr war ja gar nix peinlich. „Wieso, Ihr seid doch alles Mädchen!“ war ihre lapidare Antwort auf unseren Protest und die hektischen Versuche, unsere Blöße zu bedecken.

An diese Geschichte musste ich letzten Samstag denken, als ich in der Küche stand und Kirschen entsteinen wollte. Ich holte mir eine Haarnadel und wusch sie ab. Ich war zum Glück alleine zuhause, Bagelmann und Bagelmannkind waren einkaufen. Ich überlegte, wie einsehbar unsere Küche wohl ist und als ich mir ziemlich sicher war, dass man nur wenn man auf das Garagendach klettern würde eventuell bis zu der Arbeitsfläche neben der Spüle hätte gucken könnte, streifte ich schnell das T-Shirt ab und freute mich über diese kleine Rebellion.

Rituale müssen gepflegt werden!

Intervalle

Durch eine liebe Freundin (Sister by heart) habe ich vor ein paar Wochen den Tipp bekommen, mich doch mal mit dem Thema Intervallfasten zu beschäftigen. Nachdem ich mal wieder lamentiert hatte, wie kugelig-rund-aber-total-gesund ich doch geworden bin (wissenwirjaschon) schrieb sie mir, dass sie das seit geraumer Zeit machen würde und dadurch auch schon ein paar überflüssige Pfunde losgeworden wäre. Fasten. Ich? Niemals.

Tatsächlich habe ich früher irgendwann schon mal den Plan gemacht, zur Entschlackung eine Fastenkur durchzuführen. Ich hatte mich auch eingehend damit beschäftigt, war fest entschlossen und wollte loslegen. Als es dann aber losgehen sollte, habe ich gekniffen. Ich mag doch so gerne essen. Der Gedanke, dass ich komplett auf Nahrung hätte verzichten sollen, hat mich nicht mehr losgelassen, ich war komplett am Boden zerstört, noch bevor ich überhaupt angefangen hatte. Angststarre durch angedrohten Nahrungsverzicht. Psychologen vor, bitte analysieren Sie mich!

Da ich aber schon an anderer Stelle vom Intervallfasten gehört bzw. gelesen hatte (ich beschäftige mich ja viel mit Ernährung, Nahrung, Kochen, Backen usw. da stößt man zwangsläufig auch immer mal wieder auf solche Themen) habe ich mich mal tiefer in das Thema gestürzt. Ich bin ja große Meisterin im Ausprobieren. Was mir gefällt, wird gehyped und integriert, was ich doof finde hype ich zwar irgendwie auch, aber lasse es schnell fallen. Meine vegane Phase zum Beispiel. Ich bin total froh, dass ich ausprobiert habe, mich vegan zu ernähren, viele tolle Rezepte durfte ich dadurch ausprobieren, die ich sonst nie kennen gelernt hätte. Leider passt die rein vegane Ernährung nicht zu meinem Stoffwechsel oder ich esse einfach doch zu gerne Käse und trinke Milch und esse auch trotz allem gerne Fleisch. Ich esse leider für meinen Stoffwechsel einfach immer zuviel von allem (Gott, das schmeckt doch aber auch alles immer ganz großartig, oder?), daher mein auf und ab beim Gewicht.

Ich fand das Thema Intervallfasten (hier die Variante 16:8, was nicht zu verwechseln ist mit 16:9, wobei ich das schon ziemlich toll fände, nur leider würde ich dann dem Tag eine Stunde mehr zugestehen und mir eine Stunde mehr Zeit zum essen und irgendwann wäre ich dann wahrscheinlich genau das, ein Großbildformat, breiter als höher) jetzt aber doch so spannend, dass ich mittlerweile seit zwei Wochen dabei bin und auch schon einen kleinen Erfolg auf der Waage verzeichnen konnte. Das ist aber nicht der Grund, dem Thema einen ganzen Blogartikel zu widmen (weil ziemlich banal und der geneigte Leser wird sich schon lange gefragt haben, was die dicke Frau ihm denn nun eigentlich sagen will und einen Diät-Ratgeber lesen wollen ja die wenigsten). Nein, das Abnehmen lasse ich mal schön dort, wo es hingehört, zu mir, ganz privat.

Mich fasziniert am essensmässigen Teilzeitverzicht, dass ich jetzt noch mehr genieße als vorher. Was mir schier unmöglich schien, dachte ich doch, noch mehr Genuß kann es bei mir fast nicht mehr geben. Wer schon mal mit mir zusammen gegessen hat, wird wissen, dass ich an allem was in meinen Mund wandert vorher riechen muss. Was manchmal lustig aussieht, besonders wenn ich die Nase zu tief irgendwo reingestupst habe und dann im Eifer des Geschnüffels was an der Nase kleben bleibt. Ich freue mich an allem was Lecker ist und schmeckt und zelebriere selbst ein Stückchen frisches selbstgebackenes Brot oder ein Stück tolles Gemüse. Jetzt ist es tatsächlich so, dass ich mich noch mehr auf das Essen freue als sonst und es fast gar nicht abwarten kann, bis es endlich 12 Uhr schlägt und ich schnabulieren kann. Wie letzten Samstag, als der Bagelmann und ich nach einem anstrengenden Amtstermin noch schön in der Stadt in einem Griechischen Restaurant das Fasten gebrochen haben und ich fast ausgeflippt bin vor Vorfreude, weil ich zu meinem Essen Pommes und einen Tomatensalat bestellt habe. Der Bagelmann intervallfastet übrigens tapfer mit. Der Gute!

Heute war ich allerdings schon um 11:27 Uhr so hungrig, dass ich einfach nicht mehr länger warten konnte. Ich habe mir gedacht, diese 30 Minuten sind mal i.O., ich bzw. wir sind immer so eisern im Einhalten der Fastenstunden, da habe ich mir mal was gegönnt. Ich hatte mir Milchreis und mit frischen Erdbeeren in ein Joghurtglas gefüllt und mit ins Büro genommen. Dieser schnöde Milchreis, ohne viel Tam-Tam gekocht, die Erdbeeren leicht eingezuckert, sonst nüscht damit angestellt, war so unfassbar himmlisch lecker, ich hatte trotz der grauen Wolken eben fast einen Regenbogen am Himmel gesehen (pupsende Einhörner inklusive). Der Milchreis hat so unglaublich gut gerochen und geschmeckt, so doll nach Erdbeeren und Genuß und lecker und und und… es haut mich echt um, dass ein wenig Verzicht so eine große Wirkung auf mich hat.

Ich bin kein Asket, war ich noch nie. Ich bin eine Rubensfrau, im Äußeren und auch sonst. Immer etwas zuviel, anstatt genau richtig oder eher zuwenig. Ist in Ordnung. Kann ich mittlerweile mit leben. Kann ich auch schon mal hier und da ausgleichen. Verzicht ist aber total wichtig und diese kleine Lektion habe ich durch das Intervallfasten mal wieder gelernt und ich bin sehr dankbar dafür.

Terrakottakrieger

Mein Leben steht auf tönernen Füssen.
Leider vergesse ich es immer wieder, wenn ich mal wieder zu doll mit dem Fuß aufstampfe. Das passiert momentan im Minutentakt. Also gesehen auf die Spanne des Daseins des Menschens auf diesem Planeten. Inklusive meines. Ob ich mit meiner Lebenseinstellung so alt geworden wäre, wie die Terrakottakrieger mit ihren ebenfalls tönernen Füssen? Die Krieger stehen ruhig da, schauen geradeaus. Halten die Spannung. Sind bei sich. Und bei den anderen Kriegern um sie herum.

Ich bin alleine. Eine einsame Terrakottakriegerin, die grundsätzlich in gar keine Schlacht ziehen möchte. Der äußere Krieg, in welchen ich eingezogen wurde, ist mittlerweile einfach nur noch absurd und lächerlich, aber boshaft und kräftezehrend. Ich möchte nicht kämpfen. Ich möchte leben, mein zerbrechliches Terrakottadasein in der mir auf dieser Welt gegebenen Zeit genießen. Frei sein. Wunder erleben. Aber da gibt es diesen äußeren Krieg, in welchen ich gezogen bin. Zunächst war ich nur die Beobachterin auf der Höhe. Der Krieger neben mir, groß und stattlich, aber ebenso tönern und zerbrechlich, kämpfte mal mehr, mal weniger. Ich beschützte ihn, sorgte mich um ihn und begleitete ihn. Von meiner Warte aus sah ich vieles, was unten in der flachen Ebene nicht sichtbar gewesen ist.

Irgendwann habe ich die schützende, erhöhte Position aufgegeben und habe mich auf das flache Feld begeben. Ich bin also in diesen äußeren Krieg gezogen, ohne zu wissen, wie sich so ein Terrakottakrieger bewegt, was zu machen ist, wie ich kämpfen soll. Ich bin nicht für den Krieg geschaffen, ich habe selbst zuviele innere Spannungen, wenn ich auf alle äußeren Spannungen einginge, würde meine Terrakottahülle zerspringen. Ich schaue den Krieger neben mir an, will mich mit ihm beraten, will mit ihm Lagebesprechungen machen, welches mein, unser nächster Schritt sein wird. Möchte mich abstimmen, möchte eine Strategie entwicklen. Aber dazu kommt es nicht. Der Krieger neben mir hat keine Zeit dafür. Er läuft alleine weiter und ruft mir zu, ich müsse ebenfalls alleine zurechtkommen. Es gibt keine Hilfe für mich. Es gibt kein Innehalten. Es gibt keine Lagebesprechung. Jeder für sich. Keiner für niemanden.

Ich kämpfe mit den Tränen, halte mein Terrakottaschild hoch und renne blindlings los. Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie der Krieger neben mir mit anderen auf dem Schlachtfeld spricht. Ich stehe da, stampfe mit dem Fuß auf und es schmerzt so sehr. Ich fühle mich so alleine, so hilflos.

Es ist zuviel. Zuviel Schlachtgetümmel, zu viel Chaos. Zuviel Rauch und Feuer und Flammen und Trümmer und Geröll. Mein Blick ist vernebelt, nicht nur durch die Tränen, die selbstgemachte Wut oder durch den Schmerz in den töneren Füssen. Nein, auch durch meinen Egoismus, meine falsche Wahrnehmung. Mein überangestrengtes Ich, welches immer nur ich-ich-ich ruft, obwohl ich meine, dass ich immer nur ihr-ihr-ihr mache. Ich brauche keine Lagebesprechung, wenn ich für mich loslaufen will. Wenn ich etwas will, dann kann ich es so machen. Ich darf das. Ich brauche mich nicht abzusichern, ich kann auf eigenen Füssen stehen. Meine Entscheidungen sind gut. Ich weiß, dass ich niemanden wirklich brauche, der mich nochmals bestätigt. Und so lebt der Krieger neben mir.

Ich lerne zu langsam. Ich bin uneinsichtig und durch den einmal verinnerlichten Schmerz so verdrossen, dass ich nicht sehe, wie mir der Krieger neben mir die Hand reicht. Ich stehe katatonisch auf dem Schlachtfeld, unfähig mich zu bewegen, weil der innere Krieg in mir so laut ist. Mein Mutismus und Negativismus ist in diesem Moment so ausgeprägt, so beharrlich, dass mir alles andere egal wird. Ich möchte das nicht mehr. Ich möchte ausbrechen aus meinem Terrakottakleid und den Schild ablegen. Ich möchte Frieden, auf allen Schlachtfeldern. Mein inneres Schlachtfeld soll befriedet sein. Die äußeren Schlachtfelder sollen mich nicht mehr belasten.

Ich schaue nochmals ganz verängstigt zu dem Krieger neben mir. Ich nehme den letzten Mut zusammen, atme ein und versuche loszulaufen. So weit mich die tönernen Füsse tragen.

Integration

Damit Integration funktioniert, bedarf es mehrerer Faktoren. Wobei das Wort mehrerer vielleicht nicht so ganz richtig ist, eher untertrieben daher kommt. Also nochmal. Damit Integration funktioniert, bedarf es Unmengen an Faktoren. Schon besser. Vielleicht sollte ich es aber noch besser formulieren. Damit Integration überhaupt eine Chance hat, bedarf es Unmengen an Faktoren, die zu überblicken es fast unmöglich erscheint. Und genau an dieser Herausforderung, die einzelnen Faktoren zu sehen, zu priorisieren, denn nicht jeder Faktor ist gleich wichtig, sich also auf diese Sisyphusarbeit einzulassen, scheitert Integration oftmals. Ok, Integration scheitert meistens nicht komplett, sie wird oftmals irgendwann einfach so mitgeschleift, hinterhergeschleppt, halb verhungert, aber noch lebend. Man will ja nicht die vielen Dinge, die man in die Integration investiert hat vergeudet wissen.

Ich las gerade den Satz: Integration scheitert oftmals an der Realität. Wahnsinn! Die Weltformel! Was wollen wir denn mit Integration schöner, besser, reicher, vielfältiger machen? Die Realität, oder? Na toll. Dann lasst es uns doch einfach gleich lassen. Niemand mag scheitern, niemand mag es, erfolglos zu sein. Niemand will, dass die Realität noch blöder wird, als sie eh schon oftmals ist.

Warum integrieren wir aber immer noch und immer wieder und zwar nicht nur auf der großen Weltbühne, nein, auch im Kleinen. Wir integrieren, wenn wir in eine neue Wohnung ziehen. Die alten Nachbarn sind misstrauisch. Wer da wohl einzieht? Sind sie laut, halten sie sich an die Mittagsruhe? Wird die Kehrwoche eingehalten? Was, wenn das genau solche Rabauken sind, wie die Vormieter, die wir ja zum Glück los sind? Wenn wir den Job wechseln. Die neuen Kollegen gucken einen ganz genau an, ob und wie man zu wem passt, wie man rüber kommt, ob man nett und freundlich ist. Ob man ggfs. eine Koalition eingehen kann, wenn es für einen mal schlecht läuft. Wenn wir eine neue Beziehung eingehen, auch da muss oftmals integriert werden, nur wird das einfach nicht als Integration als solches gesehen und dass daran in vielen Fällen auch gearbeitet werden muss. Hier steht oftmals das Wort Liebe im Weg.

Wenn irgendwer integriert werden soll oder sich selbst integrieren will steht auf jeder Seite der Integrationsparteien genau das gleiche Maß an Erwartungen, alten Verhaltensmustern, Überzeugungen, Plänen und Wunschvorstellungen. Anerkennung ist sicherlich immer ein ganz großer Wunsch. Gesehen werden. Schau mal, ich bin der und der, oder die und die. Ich habe das bisher gemacht und bringe dieses und jenes mit. Dann schaut man sich gemeinsam an, was der oder die andere bisher gemacht hat und vielleicht bringt er oder sie ja auch etwas mit. Mit Sicherheit sogar. Oftmals sind es ganz tolle Sachen, die man selbst vorher nicht gekannt hat, oder auch vielleicht anders gemacht hat. Vielleicht hat man ja auch dasselbe gemacht und hätte somit ja schon einmal etwas gemeinsam. Das wäre doch ein toller Anfang. Man hat Gemeinsamkeiten entdeckt, aber auch trennende Elemente. Was davon will man behalten, was kann man zusammenlegen, wovon muss sich vielleicht getrennt werden, weil es sonst den Entwicklungsprozess stört, ja sogar unmöglich macht?

Bei der Integration müssen auf beiden Seiten Federn gelassen werden. Aber um es einfach auch mal nur positiv zu benennen: was bekommt man nicht auch einfach so geschenkt, wenn man Integration zulässt? Neue Sichtweisen, neues Denken, der Blickwinkel verändert sich. Es kommen neue Impulse, die einen wachrütteln. Man könnte ja das nächste Mal das Neue ausprobieren und nicht wieder alles nur so machen, wie bisher. Und was muss man dafür geben? Genau das Gleiche, seine Impulse, den eigenen Blickwinkel, seine Sichtweisen und Erfahrungen. Man verliert also nichts, sondern bekommt etwas wieder, vielleicht nicht genauso wie man es sich erdacht hat, aber in genau dem Maß, was man weggegeben hat. Es ist verändert worden, vielleicht ist es leichter, vielleicht auch schwerer geworden. In jedem Fall ist es anders. Und ganz oft ist anders gar nicht so schlimm, sondern sogar besser als das Gewohnte. Und genau aus dem Grund hören wir nicht auf mit dieser Integration. Weil es uns reicher macht. Nicht an Moneten. Aber als Menschen.

Der Integrationsprozess braucht ganz viel Liebe, Beharrlichkeit, Standfestigkeit und Mut. Er braucht Offenheit, Kommunikationsbereitschaft und Zeit. Nicht, weil die Zeit alle Wunden heilt, die man sich während der Integration manchmal auch holt. Nein, es braucht Zeit, weil es einfach auch mal ein wenig dauern darf, bis etwas passt. Weil man morgen denselben Fehler macht, den man gestern schon gemacht hat und eigentlich gemeint hat, dass man gelernt hat. Pustekuchen. Runde nochmal drehen. Isso. Nütznichts.

Ich bin eine alte Chorsängerin. Ich habe seit meiner frühesten Jugendzeit in Chören gesungen und diese Erfahrung trägt mich in vielerlei Hinsicht. Zum einen sind es die wundervollen Erlebnisse in der Gemeinschaft, die Erfahrung was man mit seiner Stimme anfangen kann, das Erlebnis der Vielstimmigkeit und wie etwas, was am Anfang scheinbar nicht zusammenzupassen scheint, nach schier endlosen Proben auf einmal ganz wunderbar klingt. Wenn aus einer Kakophonie auf einmal ein Sound wird, der Dich aus- und erfüllt, der Dich begeistert, der zu einem Teil der Symphonie Deines Lebens wird. Es sind natürlich auch die Unstimmigkeiten zu nennen, im wahrsten Sinne des Wortes. Wenn mal schief gesungen wird, wenn da jemand sitzt, den man nicht so gerne mag, man aber auf einmal, weil sich die Stimmen so gut mischen, nebeneinander sitzen soll. Über die Jahre habe ich so viele unterschiedliche Sängerinnen und Sänger erlebt und auch jetzt, wenn ich mal ein Chorkonzert besuche oder ein Video ansehe, ist es immer lustig zu sehen, wie unterschiedlich jeder einzelne beim Singen aussieht. Was aus der Kehle herauskommt ist nochmal eine ganz andere Sache, aber der Anblick einiger Menschen beim Singen, da möchte man denken, derjenige erledigt grade ein ganz anderes Geschäft, als das hohe C herauszupressen. Chorsingen ist so was von gelebte Integration und wenn man erlebt, wie auf einmal trotz aller Strapazen, missgünstiger Mitsänger, nervigen Proben, Misserfolgen durch Heiserkeit und Schnupfen bedingt, schiefer Töne, weil man vielleicht nicht gut hört, wie auf einmal also alles in einem Lied oder einem Konzert gipfelt und es einfach gut und wunderbar ist, dann ist die Integration gelungen. Für dieses Mal. Aber immer schön daran denken: morgen geht es weiter und dann muss das Gelernte wieder umgesetzt werden.

Und damit alle wissen, was ich meine, hier mein heutiges Highlight (und es ist doch erst 10:38 Uhr und ich liege mit einer miesen Magen-Darm-Grippe im Bett), der Tag könnte nicht noch besser werden (und dabei hat er ziemlich mies angefangen):

Flash-Mob 15 anni Blue Note Milano

Es ist ein we-transfer Links, leider darf ich hier keine mp4 posten. Es lohnt sich aber, das Video anzugucken. Ich schwör‘. Eine Miniversion dieses Gospel Mobs grassiert auch gerade auf Facebook. Aber dieses Video ist noch schöner.

Und wer das Original des ersten Gospels anhören möchte (die haben zwei Gospels geflashmobt), bitteschön.

Und wer jetzt nicht gleich mit Kool and the Gang durch die Wohnung tanzt und ins Wochenende und in sein Leben, dem kann ich grade auch nicht mehr helfen. ENJOY!

 

Grußwort

Vor ein paar Wochen war ich morgens schon ganz kommunikativ. Also nicht, dass ich jemals unkommunikativ wäre, vielleicht gibt es sogar Menschen, die sich wünschten, ich wäre mal total mundfaul. Was ich morgens aber nun mal nicht bin. Ich bin selten ein so genannter Morgenmuffel. Okee, manchmal bin ich gestresst, weil ich zu spät bin und dann eher etwas kurz angebunden, aber ein Grußwort bekomme ich immer noch mal hin.

An jenem Morgen jedenfalls kam ich an unserer Straßenbahnhaltestelle an, wie jeden Morgen zu gleicher Zeit. Ich stiefelte unter das Straßenbahnhaltestellenwartehäuschen, wo bereits schon eine Dame wartete und grüßte freundlich, leise zwar, aber freundlich und in ihre Richtung blickend. „Guten Morgen!“ Die Dame blickte mich finster an, musterte mich von Kopf bis Fuß, während ich den Fahrradschlüssel in meine Tasche packte und guckte dann wieder weg. Huch, dachte ich. Schlechte Laune? Oder eine ganz schwere Form von Unbekanntegrüßeichnichtitis?

Es ist ja nun mal so. Jeden Morgen, in meinem Fall einmal um 6:39 Uhr in Bremen Horn-Lehe und dann ab 07:17 Uhr auf Gleis 9 am Bremer Hauptbahnhof, treffe ich montags bis freitags meist auf dieselben Menschen. Manchmal werden wir durchgemischt und unterwandert von Eintagsreisenden (nicht zu verwechseln mit der gemeinen Eintagsfliege, der Eintagsreisende unterscheidet sich in einigen Punkten stark von der Eintagsfliege, in seiner Penetranz oftmals nicht, aber das Erscheinungsbild weicht doch stark ab), aber im Grunde sind wir immer dieselben, die bei Wind, Wetter und abends mit Beleuchtung auf das Fortbewegungsmittel unserer Wahl warten, welches uns zur Arbeit bringt. Die Straßenbahn der Nummer 4 und der IC nach Hamburg-Altona. Aber bis auf die Arbeitskollegen, die sich schon seit Jahren kennen und in einer Firma arbeiten, grüßt niemand irgendeinen anderen. Niemand grüßt niemanden. Auch ein toller Titel, für was auch immer, muss ich mir merken. Bisher gab es eine einzige Dame, mit der ich mal ins Gespräch gekommen bin, die auch täglich pendelt. Aber da lag es vielleicht auch daran, dass sie besonders mitteilungsbedürftig gewesen ist. Als ich noch regelmäßig mit Hopsi unterwegs gewesen bin (momentan macht es Winterschlaf und wir warten auf gutes Wetter, aber wenn endlich wieder gutes Wetter ist, brauchen Hopsi und ich gar nicht mehr täglich Bahn zu fahren, juchu!) wollte sie ihren Kommentar zu meinem total tollen Nutshell-Fahradhelm abgeben. Ich sehe sie immer noch fast jeden Morgen, aber auch sie grüßt mich nicht. Obwohl wir schon mehr als ein paar Worte gewechselt haben.

Ich frage mich ernsthaft, woran das wohl liegt. Warum grüßt man sich nicht an Straßenbahnhaltestellen, wohl aber in Wartezimmern? Haltestellen sind doch auch Wartezonen oder im Falle des Zuges ein „Raum auf Zeit“, wo ist der Unterschied. Wenn man jemanden jeden Tag sieht und weiß, ach guck, der hat heute auch erst den späteren Zug nach Hause bekommen. Oder, och, der wohnt ja auch bei mir um die Ecke und macht auch täglich diesen Höllenritt mit. Am Anfang meiner Pendlerei gab es einen jungen Mann, der genau im Nachbarhaus unserer alten Wohnung gewohnt hatte und auch morgens immer die gleiche Straßenbahn, den gleichen Zug, fast den gleichen Fußweg vom Hauptbahnhof in Hamburg genommen hatte und abends das gleich vice versa. Trotzdem hat es mehrere Anläufe meinerseits gebraucht, dass wir uns grüßten und zunickten, wenn wir uns trafen.

Nachdem ich also bei der ernstblickenden Dame abgeblitzt bin, habe ich mich seitdem nicht mehr getraut, irgendjemanden zu grüßen. Ich stehe also schweigend jeden Tag an der Haltestelle und sehe jeden Morgen

  • die beiden Herren irgendeiner norddeutschen Bank. Der ältere der beiden pendelt nach Hannover, der jüngere nach Hamburg.
  • die Dame mit Rucksack, die immer den Bus der Linie 33 nimmt
  • die junge, sehr eigennützige Dame, die auch immer mit dem Fahrrad zur Straßenbahnhaltestelle fährt und immer ihren Schlüssel und die Reflektorweste auf den Straßenbahnwartehäuschensitzen ausbreitet, um diese dann in den Rucksack zu verstauen.
  • das Schulmädchen (ok, Teenager grüßen ja sowieso nicht, aber der guten Ordnung halber zähle ich sie mal mit auf), das an der Haltestelle umsteigt, vom Bus auf die Straßenbahn und immer in der gleichen Grundhaltung: Handtäschchen in der Armbeuge des linken Arms und in der selben Hand das überdimensionierte Smartphone, natürlich ausgestreckt, weil so macht man das ja heutzutage. Ich warte jeden Morgen darauf, dass es ihr aus der Hand fällt, ich bin ja wie man weiß etwas smartphonenutzergrundgenervt.

Und das waren nur einige. In der Straßenbahn steigen dann noch zu: die Frau mit dem wunderschönen Lockenkopf und der supersahne Figur, die leider ganz doll nach Zigarette riecht, weil sie kurz vor dem Einstiegen noch eine pafft. Die super organisierte und patente Frau mit dem Brompton, die ein wenig der Stein des Anstoßes war, mir ein Faltrad zuzulegen (ich fand sie am Anfang meiner Pendlerei ziemlich cool, wie sie immer mit zwei, drei Handgriffen ihr Rad aufgeklappt hat und dann beim Aussteigen davongesaust ist). Und dann noch der und die und die…

Ob ich noch mal den Mut fasse,  einfach wieder Guten Morgen zu sagen, wenn ich an die Haltestelle komme? Morgen früh zum Beispiel?

Knödelkult

Meine Flexibilität lässt momentan für meinen Geschmack zu wünschen übrig. Auf körperlicher und geistiger Ebene. Ha, mag jetzt der Schelm denken, das gehört doch auch zusammen! Das ist doch klar, wenn weder die Gedanken noch die innere Welt flexibel sind, ist der Körper auch bald ganz steif und lässt sich nicht mehr biegen und dehnen und so. Kein Wunder aber auch.

Ich lese momentan wieder total viele „Glückskekssprüche“ oder Tipps für ein beherzteres, glücklicheres, biegsameres und flexibleres Leben, für mehr Liebe und Glück und überhaupt, für mehr mehr, von was auch immer. Selektive Wahrnehmung, denke ich da nur. Denn grade empfinde ich mein Leben als total eingeschränkt und bums, lese ich überall, wie ich es denn besser machen könnte. Liebe Dich selbst, nicht nur die anderen, denn wenn Du Dich selbst liebst, kommt die Liebe zurück, lese ich. Sei glücklich und nimm Dich selbst an, fordere das nicht von anderen. Die können Dir das nicht geben. Mach was aus Dir und Deinem Leben, warte nicht, dass jemand anderes etwas für Dich und Dein Leben unternimmt. Ich lese, denke darüber nach, lese weiter, denke wieder nach.

„I want to break free“, singt Freddie Mercury in meinem Innersten und ich sehe mich zu diesem Soundtrack mit Staubsauger bewaffnet in einem schwarzen Ledermini und mit schwarzer Perücke in Strapsen die Wohnung putzen. Ohne Schnurrbart, versteht sich.

Meine äußeren Lebensumstände sind momentan nicht optimal. Wissenwir. Weißich. Schwammdrüber, weitermachen. Ist ja bald vorbei. Ist ja nicht mehr lange. Ja, klar, schreit es in mir, klaro habe ich die Weichen gestellt, dass es besser wird, als es jetzt schon ist. Dass ich wieder mehr Zeit habe, es nicht so anstrengend ist, ich hoffentlich wieder ruhiger und gelassener werde und nicht mehr ständig müde bin. Aber dennoch, auch wenn einige der Äußerlichkeiten bald besser werden, es gibt immer noch und immer wieder Dinge, die sich meiner Kontrolle entziehen, mein Leben aber dennoch negativ beeinflussen. Die nur am Rande mit mir persönlich zu tun haben, die ich aber nicht ändern kann. Ich kann nichts dagegen machen. Ich muss das so hinnehmen, wie es ist. Warte nicht, dass jemand anderes etwas für Dich und Dein Leben unternimmt. Ok, schon klar. Ich muss also etwas tun, kann ich aber nicht. Echt jetzt mal, ich KANN nicht.

Ich kann nur loslassen, es da sein lassen, es scheiße sein lassen, so wie es ist. Das will ich aber nicht. Ich WILL nicht. Ich möchte mein Leben schön haben, ich will es selbstbestimmt leben, ich will schädliche, bösartige, gemeine Menschen nicht in meiner unmittelbaren Nähe haben, ich möchte nicht, dass sie mein Leben kreuzen und mir mein Leben schwer machen. Sie sollen mich bitte schön in Ruhe lassen. Gerade, wenn sie nicht direkt mit mir zu tun haben, sondern mit den Menschen, für die ich mich gerade entschieden habe, mit denen ich mein Leben leben will, die Menschen, die ich um mich haben möchte und die mich auch um sich haben wollen. Diese Menschen, für die wir uns gegenseitig entschieden haben. Um diese Menschen geht es……..

…..geht es überhaupt um mich? Persönlich? Warum trifft es mich so sehr, bin ich wirklich selbst betroffen?

Ich war noch nie sehr egoistisch. Ich denke ganz oft zuerst an andere, wenn ich etwas für mich mache. Ich gehe aufmerksam durch mein Leben und schaue ganz oft zu genau hin, ob das was ich mache, anderen Menschen Schwierigkeiten bereitet. Wenn ich auf der Straße gehe, bin ich ganz dabei, nicht gedankenlos zu sein und schaue immer schon ein paar Schritte voraus, damit ich niemanden anrempele oder im Wege bin. Ich möchte nicht behaupten, Mahatma Martina zu sein, oder Siddhartina. Ganz im Gegenteil. Ganz oft bereite ich anderen Menschen Schwierigkeiten, wenn ich streitig bin, wenn ich etwas falsch verstehe und dann böse bin. Wenn ich zu schnell mit meiner Meinung bin und dem anderen keine Zeit lasse mit seiner Meinung.

Ich bin aber viel zu empathisch und will für andere deren Kämpfe ausfechten. Leider hisse ich nicht die weiße Fahne für sie und sorge für Peace, Love and Understanding, sondern begebe mich auf das Schlachtfeld der Probleme der Anderen. Und dann wundere ich mich, warum ich immer so abgekämpft bin (hach, tolles Wort, jetzt weiß ich auch woher es kommt bzw. wie es in unseren alltäglichen Sprachschatz gekommen ist!).

Flexibel sein mit anderen. Nicht nur mit mir selbst. Sondern gerade mit und im Umgang mit anderen. Das fängt aber natürlich mit mir selbst an. Loslassen. Gedanken loslassen. Sich von Mustern verabschieden, von alten Denkweisen. Nicht alles hat mit mir persönlich zu tun. Auch wenn ich etwas sehe, höre, mitbekomme. Es geht mich nicht immer etwas an. Und vor allem: Nicht alle wollen mir etwas böses. Nicht jeder verlässt mich. Nicht jeder betrügt mich. Wenn da jemand anderes böse über mich redet oder denkt, dann sind das tatsächlich seine bösen Gedanken. Was interessiert es den Baum, wenn sich die Sau an ihm schubbert? Ok, ich bin ein Baum. Fester Stamm, schlanke Fesseln, äh Wurzeln, biegsame Äste, die sanft schwingen können. Die sich nicht drehen und wenden, wie es der Wind so will, aber sie können schwingen und dann wieder zurück gehen. Ich spreche jetzt mal nicht von einem Sturm, der den Baum entwurzelt oder die Äste brechen lassen kann. Ich bleibe schön hübsch positiv, gedanklich flexibel, man kann mich rütteln und schütteln, das alte Laub fällt ab. Aber die neuen Knospen wachsen schon nach.

Gut, Knut. Und mit dieser Erkenntnis, die sich mir während des Schreibens dieses Textes eröffnet hat, lese ich nochmal Zenpower (©by Ralf Hiltman), oder Power of Positivity oder Higher Perspective oder den Schriftzug auf dem Weckglas mit meinem heutigen Mittagessen.

„Fleischlos glücklich“ steht da drauf. Bin ich heute mal knödelglücklich. Das ist doch immerhin schon mal was.

Anmerkung: Oben nannte ich den Begriff Glückskekssprüche und dieses meine ich nicht abwertend oder bagatellisierend, gerade Zenpower und die dazugehörigen Sites von meinem langjährigen „Mentor“ Ralf sind alles andere als belanglos. Ich suche nur nach einem übergeordneten Begriff, der alle Motivationsseiten, Sprüche, Persönlichkeitsentwicklungstipps zusammenfasst.

Rauchwarnmelder

Heute Morgen bin ich aufgewacht und alles war gut.

Ok, ich war wie immer viel zu müde und es war viel zu früh und ich hatte eigentlich wirklich keine große Lust aufzustehen, um mich auf meinen täglichen Ritt zur Arbeit zu machen. Aber als der Bagelmann wie ein übermütiges Kind im Bett herumtobte, mich zum Lachen brachte und mich aus den Federn kuschelte, da fiel mir das Motto dieses Tages ein: Wenn sich alles fügt.

In dem Moment, wenn sich alles fügt, sanft ineinander gleitet, wenn die Puzzleteile auf einmal alle passen und alles sitzt, dann frage ich mich, warum ich überhaupt gezweifelt habe. Gekämpft habe, Widerstand geleistet habe, oder mich gesorgt habe. Warum diese ganze Anstrengung, wenn doch irgendwann alles gut ist. Warum immer und immer und immer wieder nicht dran glauben, zweifeln, verzweifeln sogar und unglücklich sein? Kein Vertrauen haben, in das was jetzt ist und das was noch kommt.

Dieses gute Gefühl hat mich den ganzen Tag begleitet und ich war echt voll im OM-Modus. Die Sonne scheint, ich bin ganz fleißig im Büro und ja, es ist grade alles ganz cremig.

Bis zu dem Moment, als ich bei der Firma Objektus angerufen habe, um einen Ersatztermin für die Rauchwarnmelder-Wartung für meinen Chef zu vereinbaren. Ich habe für fast alles Verständnis und man muss mir nicht erklären, wie schwierig es ist, 300 Mietparteien unter einen Hut bzw. zwei Rauchwarnmelder-Sammel-Wartungstermine zu bekommen. Aber wenn ich den Techniker anrufe um einen neuen Termin zu vereinbaren und dann nur ein süffisantes „kost‘ achtzisch Euro“ höre, dann werde ich innerlich schon mal zum Horst. Nach der noch anschließenden Belehrung seinerseits, um die ich im Übrigen nicht gebeten hatte, und meiner Verbalentgleisung „Wissen Sie, ich bin auch schon seit 47 Jahren auf dieser Erde und muss mir nicht erklären lassen, wie Rauchwarnmelder-Sammel-Wartungstermine funktionieren. Ich finde es nur unglaublich, dass Sie gleich so unfreundlich werden, kann man ja auch netter sagen“ habe ich noch in der Rauchwarnmelder-Wartungstermine-Zentrale angerufen. Und das nur, um geschlagene vier Minuten durch ein Sprachmenü dirigiert zu werden („Bitte drücken Sie die 1 für……, die 2 für…, die 42 für……“ ach, l*** mich doch) und um dann, als ich endlich eine zuständige Rauchwarnmelder-Wartungstermine-Zentrale-Fachfrau am Ohr hatte, zu hören, dass sie jetzt noch keine Individualtermin vereinbaren kann. Ich müsste warten bis der zweite Sammeltermin auch noch verstrichen wäre und mich dann noch einmal melden.

W.A.R.U.M.? Vermutlich: W.E.I.L.  E.S.   G.E.H.T.

Im nächsten Leben werde ich Erfinder der Firma Objektus Rauchwarnmelder und werde mein Rauchwarnmelder-Wartungs-Imperium nur auf Mieterveräppelung aufbauen. Ich werde nebenbei noch eine Druckerei betreiben und mir eine zweite güldene Nase verdienen an den beknackten Objektus Rauchwarnmelder-Wartungs-Wir-haben-Sie-nicht-angetroffen-Postkarten und bei jedem Anruf, den ein genervter Mieter tätigt, werde ich irgendeine Software vorschalten, damit ich dann damit auch noch Geld verdiene.

Wo ist der Riss in der Matrix? Heute Morgen hat doch noch alles so ganz wunderbar gepasst, war schön, flauschig, wolkig mit Aussicht auf Fleischbällchen.

Ich habe mir aus lauter Frust eben 10 Minuten diesen animierten Axolotl angesehen. Ich kann nicht sagen, dass es mir wieder genauso gut geht, wie heute Morgen. Aber wenigstens ein bisschen besser.