Integration

Damit Integration funktioniert, bedarf es mehrerer Faktoren. Wobei das Wort mehrerer vielleicht nicht so ganz richtig ist, eher untertrieben daher kommt. Also nochmal. Damit Integration funktioniert, bedarf es Unmengen an Faktoren. Schon besser. Vielleicht sollte ich es aber noch besser formulieren. Damit Integration überhaupt eine Chance hat, bedarf es Unmengen an Faktoren, die zu überblicken es fast unmöglich erscheint. Und genau an dieser Herausforderung, die einzelnen Faktoren zu sehen, zu priorisieren, denn nicht jeder Faktor ist gleich wichtig, sich also auf diese Sisyphusarbeit einzulassen, scheitert Integration oftmals. Ok, Integration scheitert meistens nicht komplett, sie wird oftmals irgendwann einfach so mitgeschleift, hinterhergeschleppt, halb verhungert, aber noch lebend. Man will ja nicht die vielen Dinge, die man in die Integration investiert hat vergeudet wissen.

Ich las gerade den Satz: Integration scheitert oftmals an der Realität. Wahnsinn! Die Weltformel! Was wollen wir denn mit Integration schöner, besser, reicher, vielfältiger machen? Die Realität, oder? Na toll. Dann lasst es uns doch einfach gleich lassen. Niemand mag scheitern, niemand mag es, erfolglos zu sein. Niemand will, dass die Realität noch blöder wird, als sie eh schon oftmals ist.

Warum integrieren wir aber immer noch und immer wieder und zwar nicht nur auf der großen Weltbühne, nein, auch im Kleinen. Wir integrieren, wenn wir in eine neue Wohnung ziehen. Die alten Nachbarn sind misstrauisch. Wer da wohl einzieht? Sind sie laut, halten sie sich an die Mittagsruhe? Wird die Kehrwoche eingehalten? Was, wenn das genau solche Rabauken sind, wie die Vormieter, die wir ja zum Glück los sind? Wenn wir den Job wechseln. Die neuen Kollegen gucken einen ganz genau an, ob und wie man zu wem passt, wie man rüber kommt, ob man nett und freundlich ist. Ob man ggfs. eine Koalition eingehen kann, wenn es für einen mal schlecht läuft. Wenn wir eine neue Beziehung eingehen, auch da muss oftmals integriert werden, nur wird das einfach nicht als Integration als solches gesehen und dass daran in vielen Fällen auch gearbeitet werden muss. Hier steht oftmals das Wort Liebe im Weg.

Wenn irgendwer integriert werden soll oder sich selbst integrieren will steht auf jeder Seite der Integrationsparteien genau das gleiche Maß an Erwartungen, alten Verhaltensmustern, Überzeugungen, Plänen und Wunschvorstellungen. Anerkennung ist sicherlich immer ein ganz großer Wunsch. Gesehen werden. Schau mal, ich bin der und der, oder die und die. Ich habe das bisher gemacht und bringe dieses und jenes mit. Dann schaut man sich gemeinsam an, was der oder die andere bisher gemacht hat und vielleicht bringt er oder sie ja auch etwas mit. Mit Sicherheit sogar. Oftmals sind es ganz tolle Sachen, die man selbst vorher nicht gekannt hat, oder auch vielleicht anders gemacht hat. Vielleicht hat man ja auch dasselbe gemacht und hätte somit ja schon einmal etwas gemeinsam. Das wäre doch ein toller Anfang. Man hat Gemeinsamkeiten entdeckt, aber auch trennende Elemente. Was davon will man behalten, was kann man zusammenlegen, wovon muss sich vielleicht getrennt werden, weil es sonst den Entwicklungsprozess stört, ja sogar unmöglich macht?

Bei der Integration müssen auf beiden Seiten Federn gelassen werden. Aber um es einfach auch mal nur positiv zu benennen: was bekommt man nicht auch einfach so geschenkt, wenn man Integration zulässt? Neue Sichtweisen, neues Denken, der Blickwinkel verändert sich. Es kommen neue Impulse, die einen wachrütteln. Man könnte ja das nächste Mal das Neue ausprobieren und nicht wieder alles nur so machen, wie bisher. Und was muss man dafür geben? Genau das Gleiche, seine Impulse, den eigenen Blickwinkel, seine Sichtweisen und Erfahrungen. Man verliert also nichts, sondern bekommt etwas wieder, vielleicht nicht genauso wie man es sich erdacht hat, aber in genau dem Maß, was man weggegeben hat. Es ist verändert worden, vielleicht ist es leichter, vielleicht auch schwerer geworden. In jedem Fall ist es anders. Und ganz oft ist anders gar nicht so schlimm, sondern sogar besser als das Gewohnte. Und genau aus dem Grund hören wir nicht auf mit dieser Integration. Weil es uns reicher macht. Nicht an Moneten. Aber als Menschen.

Der Integrationsprozess braucht ganz viel Liebe, Beharrlichkeit, Standfestigkeit und Mut. Er braucht Offenheit, Kommunikationsbereitschaft und Zeit. Nicht, weil die Zeit alle Wunden heilt, die man sich während der Integration manchmal auch holt. Nein, es braucht Zeit, weil es einfach auch mal ein wenig dauern darf, bis etwas passt. Weil man morgen denselben Fehler macht, den man gestern schon gemacht hat und eigentlich gemeint hat, dass man gelernt hat. Pustekuchen. Runde nochmal drehen. Isso. Nütznichts.

Ich bin eine alte Chorsängerin. Ich habe seit meiner frühesten Jugendzeit in Chören gesungen und diese Erfahrung trägt mich in vielerlei Hinsicht. Zum einen sind es die wundervollen Erlebnisse in der Gemeinschaft, die Erfahrung was man mit seiner Stimme anfangen kann, das Erlebnis der Vielstimmigkeit und wie etwas, was am Anfang scheinbar nicht zusammenzupassen scheint, nach schier endlosen Proben auf einmal ganz wunderbar klingt. Wenn aus einer Kakophonie auf einmal ein Sound wird, der Dich aus- und erfüllt, der Dich begeistert, der zu einem Teil der Symphonie Deines Lebens wird. Es sind natürlich auch die Unstimmigkeiten zu nennen, im wahrsten Sinne des Wortes. Wenn mal schief gesungen wird, wenn da jemand sitzt, den man nicht so gerne mag, man aber auf einmal, weil sich die Stimmen so gut mischen, nebeneinander sitzen soll. Über die Jahre habe ich so viele unterschiedliche Sängerinnen und Sänger erlebt und auch jetzt, wenn ich mal ein Chorkonzert besuche oder ein Video ansehe, ist es immer lustig zu sehen, wie unterschiedlich jeder einzelne beim Singen aussieht. Was aus der Kehle herauskommt ist nochmal eine ganz andere Sache, aber der Anblick einiger Menschen beim Singen, da möchte man denken, derjenige erledigt grade ein ganz anderes Geschäft, als das hohe C herauszupressen. Chorsingen ist so was von gelebte Integration und wenn man erlebt, wie auf einmal trotz aller Strapazen, missgünstiger Mitsänger, nervigen Proben, Misserfolgen durch Heiserkeit und Schnupfen bedingt, schiefer Töne, weil man vielleicht nicht gut hört, wie auf einmal also alles in einem Lied oder einem Konzert gipfelt und es einfach gut und wunderbar ist, dann ist die Integration gelungen. Für dieses Mal. Aber immer schön daran denken: morgen geht es weiter und dann muss das Gelernte wieder umgesetzt werden.

Und damit alle wissen, was ich meine, hier mein heutiges Highlight (und es ist doch erst 10:38 Uhr und ich liege mit einer miesen Magen-Darm-Grippe im Bett), der Tag könnte nicht noch besser werden (und dabei hat er ziemlich mies angefangen):

Flash-Mob 15 anni Blue Note Milano

Es ist ein we-transfer Links, leider darf ich hier keine mp4 posten. Es lohnt sich aber, das Video anzugucken. Ich schwör‘. Eine Miniversion dieses Gospel Mobs grassiert auch gerade auf Facebook. Aber dieses Video ist noch schöner.

Und wer das Original des ersten Gospels anhören möchte (die haben zwei Gospels geflashmobt), bitteschön.

Und wer jetzt nicht gleich mit Kool and the Gang durch die Wohnung tanzt und ins Wochenende und in sein Leben, dem kann ich grade auch nicht mehr helfen. ENJOY!

 

Advertisements

Grußwort

Vor ein paar Wochen war ich morgens schon ganz kommunikativ. Also nicht, dass ich jemals unkommunikativ wäre, vielleicht gibt es sogar Menschen, die sich wünschten, ich wäre mal total mundfaul. Was ich morgens aber nun mal nicht bin. Ich bin selten ein so genannter Morgenmuffel. Okee, manchmal bin ich gestresst, weil ich zu spät bin und dann eher etwas kurz angebunden, aber ein Grußwort bekomme ich immer noch mal hin.

An jenem Morgen jedenfalls kam ich an unserer Straßenbahnhaltestelle an, wie jeden Morgen zu gleicher Zeit. Ich stiefelte unter das Straßenbahnhaltestellenwartehäuschen, wo bereits schon eine Dame wartete und grüßte freundlich, leise zwar, aber freundlich und in ihre Richtung blickend. „Guten Morgen!“ Die Dame blickte mich finster an, musterte mich von Kopf bis Fuß, während ich den Fahrradschlüssel in meine Tasche packte und guckte dann wieder weg. Huch, dachte ich. Schlechte Laune? Oder eine ganz schwere Form von Unbekanntegrüßeichnichtitis?

Es ist ja nun mal so. Jeden Morgen, in meinem Fall einmal um 6:39 Uhr in Bremen Horn-Lehe und dann ab 07:17 Uhr auf Gleis 9 am Bremer Hauptbahnhof, treffe ich montags bis freitags meist auf dieselben Menschen. Manchmal werden wir durchgemischt und unterwandert von Eintagsreisenden (nicht zu verwechseln mit der gemeinen Eintagsfliege, der Eintagsreisende unterscheidet sich in einigen Punkten stark von der Eintagsfliege, in seiner Penetranz oftmals nicht, aber das Erscheinungsbild weicht doch stark ab), aber im Grunde sind wir immer dieselben, die bei Wind, Wetter und abends mit Beleuchtung auf das Fortbewegungsmittel unserer Wahl warten, welches uns zur Arbeit bringt. Die Straßenbahn der Nummer 4 und der IC nach Hamburg-Altona. Aber bis auf die Arbeitskollegen, die sich schon seit Jahren kennen und in einer Firma arbeiten, grüßt niemand irgendeinen anderen. Niemand grüßt niemanden. Auch ein toller Titel, für was auch immer, muss ich mir merken. Bisher gab es eine einzige Dame, mit der ich mal ins Gespräch gekommen bin, die auch täglich pendelt. Aber da lag es vielleicht auch daran, dass sie besonders mitteilungsbedürftig gewesen ist. Als ich noch regelmäßig mit Hopsi unterwegs gewesen bin (momentan macht es Winterschlaf und wir warten auf gutes Wetter, aber wenn endlich wieder gutes Wetter ist, brauchen Hopsi und ich gar nicht mehr täglich Bahn zu fahren, juchu!) wollte sie ihren Kommentar zu meinem total tollen Nutshell-Fahradhelm abgeben. Ich sehe sie immer noch fast jeden Morgen, aber auch sie grüßt mich nicht. Obwohl wir schon mehr als ein paar Worte gewechselt haben.

Ich frage mich ernsthaft, woran das wohl liegt. Warum grüßt man sich nicht an Straßenbahnhaltestellen, wohl aber in Wartezimmern? Haltestellen sind doch auch Wartezonen oder im Falle des Zuges ein „Raum auf Zeit“, wo ist der Unterschied. Wenn man jemanden jeden Tag sieht und weiß, ach guck, der hat heute auch erst den späteren Zug nach Hause bekommen. Oder, och, der wohnt ja auch bei mir um die Ecke und macht auch täglich diesen Höllenritt mit. Am Anfang meiner Pendlerei gab es einen jungen Mann, der genau im Nachbarhaus unserer alten Wohnung gewohnt hatte und auch morgens immer die gleiche Straßenbahn, den gleichen Zug, fast den gleichen Fußweg vom Hauptbahnhof in Hamburg genommen hatte und abends das gleich vice versa. Trotzdem hat es mehrere Anläufe meinerseits gebraucht, dass wir uns grüßten und zunickten, wenn wir uns trafen.

Nachdem ich also bei der ernstblickenden Dame abgeblitzt bin, habe ich mich seitdem nicht mehr getraut, irgendjemanden zu grüßen. Ich stehe also schweigend jeden Tag an der Haltestelle und sehe jeden Morgen

  • die beiden Herren irgendeiner norddeutschen Bank. Der ältere der beiden pendelt nach Hannover, der jüngere nach Hamburg.
  • die Dame mit Rucksack, die immer den Bus der Linie 33 nimmt
  • die junge, sehr eigennützige Dame, die auch immer mit dem Fahrrad zur Straßenbahnhaltestelle fährt und immer ihren Schlüssel und die Reflektorweste auf den Straßenbahnwartehäuschensitzen ausbreitet, um diese dann in den Rucksack zu verstauen.
  • das Schulmädchen (ok, Teenager grüßen ja sowieso nicht, aber der guten Ordnung halber zähle ich sie mal mit auf), das an der Haltestelle umsteigt, vom Bus auf die Straßenbahn und immer in der gleichen Grundhaltung: Handtäschchen in der Armbeuge des linken Arms und in der selben Hand das überdimensionierte Smartphone, natürlich ausgestreckt, weil so macht man das ja heutzutage. Ich warte jeden Morgen darauf, dass es ihr aus der Hand fällt, ich bin ja wie man weiß etwas smartphonenutzergrundgenervt.

Und das waren nur einige. In der Straßenbahn steigen dann noch zu: die Frau mit dem wunderschönen Lockenkopf und der supersahne Figur, die leider ganz doll nach Zigarette riecht, weil sie kurz vor dem Einstiegen noch eine pafft. Die super organisierte und patente Frau mit dem Brompton, die ein wenig der Stein des Anstoßes war, mir ein Faltrad zuzulegen (ich fand sie am Anfang meiner Pendlerei ziemlich cool, wie sie immer mit zwei, drei Handgriffen ihr Rad aufgeklappt hat und dann beim Aussteigen davongesaust ist). Und dann noch der und die und die…

Ob ich noch mal den Mut fasse,  einfach wieder Guten Morgen zu sagen, wenn ich an die Haltestelle komme? Morgen früh zum Beispiel?

Knödelkult

Meine Flexibilität lässt momentan für meinen Geschmack zu wünschen übrig. Auf körperlicher und geistiger Ebene. Ha, mag jetzt der Schelm denken, das gehört doch auch zusammen! Das ist doch klar, wenn weder die Gedanken noch die innere Welt flexibel sind, ist der Körper auch bald ganz steif und lässt sich nicht mehr biegen und dehnen und so. Kein Wunder aber auch.

Ich lese momentan wieder total viele „Glückskekssprüche“ oder Tipps für ein beherzteres, glücklicheres, biegsameres und flexibleres Leben, für mehr Liebe und Glück und überhaupt, für mehr mehr, von was auch immer. Selektive Wahrnehmung, denke ich da nur. Denn grade empfinde ich mein Leben als total eingeschränkt und bums, lese ich überall, wie ich es denn besser machen könnte. Liebe Dich selbst, nicht nur die anderen, denn wenn Du Dich selbst liebst, kommt die Liebe zurück, lese ich. Sei glücklich und nimm Dich selbst an, fordere das nicht von anderen. Die können Dir das nicht geben. Mach was aus Dir und Deinem Leben, warte nicht, dass jemand anderes etwas für Dich und Dein Leben unternimmt. Ich lese, denke darüber nach, lese weiter, denke wieder nach.

„I want to break free“, singt Freddie Mercury in meinem Innersten und ich sehe mich zu diesem Soundtrack mit Staubsauger bewaffnet in einem schwarzen Ledermini und mit schwarzer Perücke in Strapsen die Wohnung putzen. Ohne Schnurrbart, versteht sich.

Meine äußeren Lebensumstände sind momentan nicht optimal. Wissenwir. Weißich. Schwammdrüber, weitermachen. Ist ja bald vorbei. Ist ja nicht mehr lange. Ja, klar, schreit es in mir, klaro habe ich die Weichen gestellt, dass es besser wird, als es jetzt schon ist. Dass ich wieder mehr Zeit habe, es nicht so anstrengend ist, ich hoffentlich wieder ruhiger und gelassener werde und nicht mehr ständig müde bin. Aber dennoch, auch wenn einige der Äußerlichkeiten bald besser werden, es gibt immer noch und immer wieder Dinge, die sich meiner Kontrolle entziehen, mein Leben aber dennoch negativ beeinflussen. Die nur am Rande mit mir persönlich zu tun haben, die ich aber nicht ändern kann. Ich kann nichts dagegen machen. Ich muss das so hinnehmen, wie es ist. Warte nicht, dass jemand anderes etwas für Dich und Dein Leben unternimmt. Ok, schon klar. Ich muss also etwas tun, kann ich aber nicht. Echt jetzt mal, ich KANN nicht.

Ich kann nur loslassen, es da sein lassen, es scheiße sein lassen, so wie es ist. Das will ich aber nicht. Ich WILL nicht. Ich möchte mein Leben schön haben, ich will es selbstbestimmt leben, ich will schädliche, bösartige, gemeine Menschen nicht in meiner unmittelbaren Nähe haben, ich möchte nicht, dass sie mein Leben kreuzen und mir mein Leben schwer machen. Sie sollen mich bitte schön in Ruhe lassen. Gerade, wenn sie nicht direkt mit mir zu tun haben, sondern mit den Menschen, für die ich mich gerade entschieden habe, mit denen ich mein Leben leben will, die Menschen, die ich um mich haben möchte und die mich auch um sich haben wollen. Diese Menschen, für die wir uns gegenseitig entschieden haben. Um diese Menschen geht es……..

…..geht es überhaupt um mich? Persönlich? Warum trifft es mich so sehr, bin ich wirklich selbst betroffen?

Ich war noch nie sehr egoistisch. Ich denke ganz oft zuerst an andere, wenn ich etwas für mich mache. Ich gehe aufmerksam durch mein Leben und schaue ganz oft zu genau hin, ob das was ich mache, anderen Menschen Schwierigkeiten bereitet. Wenn ich auf der Straße gehe, bin ich ganz dabei, nicht gedankenlos zu sein und schaue immer schon ein paar Schritte voraus, damit ich niemanden anrempele oder im Wege bin. Ich möchte nicht behaupten, Mahatma Martina zu sein, oder Siddhartina. Ganz im Gegenteil. Ganz oft bereite ich anderen Menschen Schwierigkeiten, wenn ich streitig bin, wenn ich etwas falsch verstehe und dann böse bin. Wenn ich zu schnell mit meiner Meinung bin und dem anderen keine Zeit lasse mit seiner Meinung.

Ich bin aber viel zu empathisch und will für andere deren Kämpfe ausfechten. Leider hisse ich nicht die weiße Fahne für sie und sorge für Peace, Love and Understanding, sondern begebe mich auf das Schlachtfeld der Probleme der Anderen. Und dann wundere ich mich, warum ich immer so abgekämpft bin (hach, tolles Wort, jetzt weiß ich auch woher es kommt bzw. wie es in unseren alltäglichen Sprachschatz gekommen ist!).

Flexibel sein mit anderen. Nicht nur mit mir selbst. Sondern gerade mit und im Umgang mit anderen. Das fängt aber natürlich mit mir selbst an. Loslassen. Gedanken loslassen. Sich von Mustern verabschieden, von alten Denkweisen. Nicht alles hat mit mir persönlich zu tun. Auch wenn ich etwas sehe, höre, mitbekomme. Es geht mich nicht immer etwas an. Und vor allem: Nicht alle wollen mir etwas böses. Nicht jeder verlässt mich. Nicht jeder betrügt mich. Wenn da jemand anderes böse über mich redet oder denkt, dann sind das tatsächlich seine bösen Gedanken. Was interessiert es den Baum, wenn sich die Sau an ihm schubbert? Ok, ich bin ein Baum. Fester Stamm, schlanke Fesseln, äh Wurzeln, biegsame Äste, die sanft schwingen können. Die sich nicht drehen und wenden, wie es der Wind so will, aber sie können schwingen und dann wieder zurück gehen. Ich spreche jetzt mal nicht von einem Sturm, der den Baum entwurzelt oder die Äste brechen lassen kann. Ich bleibe schön hübsch positiv, gedanklich flexibel, man kann mich rütteln und schütteln, das alte Laub fällt ab. Aber die neuen Knospen wachsen schon nach.

Gut, Knut. Und mit dieser Erkenntnis, die sich mir während des Schreibens dieses Textes eröffnet hat, lese ich nochmal Zenpower (©by Ralf Hiltman), oder Power of Positivity oder Higher Perspective oder den Schriftzug auf dem Weckglas mit meinem heutigen Mittagessen.

„Fleischlos glücklich“ steht da drauf. Bin ich heute mal knödelglücklich. Das ist doch immerhin schon mal was.

Anmerkung: Oben nannte ich den Begriff Glückskekssprüche und dieses meine ich nicht abwertend oder bagatellisierend, gerade Zenpower und die dazugehörigen Sites von meinem langjährigen „Mentor“ Ralf sind alles andere als belanglos. Ich suche nur nach einem übergeordneten Begriff, der alle Motivationsseiten, Sprüche, Persönlichkeitsentwicklungstipps zusammenfasst.

Rauchwarnmelder

Heute Morgen bin ich aufgewacht und alles war gut.

Ok, ich war wie immer viel zu müde und es war viel zu früh und ich hatte eigentlich wirklich keine große Lust aufzustehen, um mich auf meinen täglichen Ritt zur Arbeit zu machen. Aber als der Bagelmann wie ein übermütiges Kind im Bett herumtobte, mich zum Lachen brachte und mich aus den Federn kuschelte, da fiel mir das Motto dieses Tages ein: Wenn sich alles fügt.

In dem Moment, wenn sich alles fügt, sanft ineinander gleitet, wenn die Puzzleteile auf einmal alle passen und alles sitzt, dann frage ich mich, warum ich überhaupt gezweifelt habe. Gekämpft habe, Widerstand geleistet habe, oder mich gesorgt habe. Warum diese ganze Anstrengung, wenn doch irgendwann alles gut ist. Warum immer und immer und immer wieder nicht dran glauben, zweifeln, verzweifeln sogar und unglücklich sein? Kein Vertrauen haben, in das was jetzt ist und das was noch kommt.

Dieses gute Gefühl hat mich den ganzen Tag begleitet und ich war echt voll im OM-Modus. Die Sonne scheint, ich bin ganz fleißig im Büro und ja, es ist grade alles ganz cremig.

Bis zu dem Moment, als ich bei der Firma Objektus angerufen habe, um einen Ersatztermin für die Rauchwarnmelder-Wartung für meinen Chef zu vereinbaren. Ich habe für fast alles Verständnis und man muss mir nicht erklären, wie schwierig es ist, 300 Mietparteien unter einen Hut bzw. zwei Rauchwarnmelder-Sammel-Wartungstermine zu bekommen. Aber wenn ich den Techniker anrufe um einen neuen Termin zu vereinbaren und dann nur ein süffisantes „kost‘ achtzisch Euro“ höre, dann werde ich innerlich schon mal zum Horst. Nach der noch anschließenden Belehrung seinerseits, um die ich im Übrigen nicht gebeten hatte, und meiner Verbalentgleisung „Wissen Sie, ich bin auch schon seit 47 Jahren auf dieser Erde und muss mir nicht erklären lassen, wie Rauchwarnmelder-Sammel-Wartungstermine funktionieren. Ich finde es nur unglaublich, dass Sie gleich so unfreundlich werden, kann man ja auch netter sagen“ habe ich noch in der Rauchwarnmelder-Wartungstermine-Zentrale angerufen. Und das nur, um geschlagene vier Minuten durch ein Sprachmenü dirigiert zu werden („Bitte drücken Sie die 1 für……, die 2 für…, die 42 für……“ ach, l*** mich doch) und um dann, als ich endlich eine zuständige Rauchwarnmelder-Wartungstermine-Zentrale-Fachfrau am Ohr hatte, zu hören, dass sie jetzt noch keine Individualtermin vereinbaren kann. Ich müsste warten bis der zweite Sammeltermin auch noch verstrichen wäre und mich dann noch einmal melden.

W.A.R.U.M.? Vermutlich: W.E.I.L.  E.S.   G.E.H.T.

Im nächsten Leben werde ich Erfinder der Firma Objektus Rauchwarnmelder und werde mein Rauchwarnmelder-Wartungs-Imperium nur auf Mieterveräppelung aufbauen. Ich werde nebenbei noch eine Druckerei betreiben und mir eine zweite güldene Nase verdienen an den beknackten Objektus Rauchwarnmelder-Wartungs-Wir-haben-Sie-nicht-angetroffen-Postkarten und bei jedem Anruf, den ein genervter Mieter tätigt, werde ich irgendeine Software vorschalten, damit ich dann damit auch noch Geld verdiene.

Wo ist der Riss in der Matrix? Heute Morgen hat doch noch alles so ganz wunderbar gepasst, war schön, flauschig, wolkig mit Aussicht auf Fleischbällchen.

Ich habe mir aus lauter Frust eben 10 Minuten diesen animierten Axolotl angesehen. Ich kann nicht sagen, dass es mir wieder genauso gut geht, wie heute Morgen. Aber wenigstens ein bisschen besser.

Triggerpotenzial

Ich habe soeben gelernt: ich wurde heute Morgen getriggert. Wie blöd ich dieses Wort finde, hat mein geliebter Bagelmann an der einen oder anderen Stelle schon erfahren dürfen („So ein blödes Wort, hör auf damit, das zu sagen.“) Es ist nämlich eines seiner Lieblingswörter, welches er bei Erzählungen und zur Verdeutlichung gerne benutzt. Mich „triggert“ (igitt, bäh, pfui, bäh, böses Wort) er natürlich nicht, aber alleine das Wort zu hören reicht schon, um mir ein unangenehmes Gefühl zu geben.

Genauso verhält es sich mit diversen anderen Wörtern. Ich bin ein Fan der guten Sprachkultur, wobei gut ja auch immer im Auge des Betrachters liegt und so was von subjektiv ist. Also anders ausgedrückt: ich selbst kann auch mal „kernig“ daherreden, wenn es der Verdeutlichung dient, aber im Grunde bin ich ein Fan davon, wenn Satzbau, Grammatik und Diktion im Schriftlichen als auch in der Konversation hochwertig gebraucht werden.

Ich bin ja auch eine von denen, die ihre Social-Media Einträge immer nochmals querliest und bei Tippfehlern korrigiert. Da gibt es ja ganz andere!!1!, denen ist ja alles völlig schietegal (hui, ein Kraftausdruck!). Apropos: Kraftausdruck. Das war das Wort welches meine Mutter immer benutzte, wenn es um schlimme Wörter ging oder wenn ich als Kind sogar mal das S-Wort benutzte. Kraftausdruck, wunderbar. Steht sogar im Duden, ich habe nachgeschaut.

Heute Morgen im Pendlerzug habe ich zwei junge Männer, im Nachhinein betrachtet könnte ich sagen dumme Lümmel, freche und unerzogene Kinder, angemaunzt. Und das kam so:

Ich saß gemütlich auf meinem Platz und habe den Inhalt meiner Brotdose verdrückt. Gestern Abend habe ich noch Brot und Brötchen gebacken und so mümmelte ich, nicht ohne Stolz, das gesunde Backwerk und ergötzte mich an der tollen Porung, der reschen Kruste und dem tollen Geschmack (wer nachbacken möchte, hier entlang). Auf den beiden Sitzplätzen am Gang gegenüber richteten sich gerade zwei junge Herren häuslich ein, die entweder gemeinsam zur Arbeit oder wohl eher zum Ausbildungsplatz pendelten. Der eine Herr, derjenige, welcher mich zu einem späteren Zeitpunkt „triggern“ würde, schob mir fast noch sein überdimensioniertes und überaus unappetitlich anzusehendes Maurerdekolletee ins Gesicht, als er umständlich und in gebückter Haltung seinen Rucksack verstaute. Aber da wusste ich ja noch nicht, dass die Chose mit ihm noch weitergeht, als nur soweit sich nicht richtig anziehen zu können und jedermann seine Pofalte zu zeigen, sonst hätte ich vielleicht schon viel früher etwas gesagt. Das übliche, umgangssprachlich geprägte, testosterongeschwängerte Gelaber Jugendlicher ertönte bald in nicht gerade leiser Lautstärke. „Ey, ich wurde mal wieder total gef*ck*.“ „Ich hab‘ nur drei Stunden geschlafen, Alter, ey, ich muss jetzt noch schlafen. Hab‘ gestern nur gezockt, Alter ey.“ Ich versuchte, die Augen zu schließen und nicht mehr zuzuhören.

So weit, so gut. Die Herren legten sich auch schlafen. Als der Schaffner kam, wurde Herr Maurerdekolletee nur durch mehrfaches an der Schulter rütteln wach, der Schaffner stand ziemlich lange wie ein begossener Pudel vor dem Herrn der Schöpfung, der so verpeilt war, dass er Minuten brauchte, um sein Ticket zu zeigen. Oder vielmehr, ich hatte das Gefühl, dass er nur verpeilt tat. Und anstatt wie es sich gehört sich für die Verzögerung zu entschuldigen oder dem Schaffner ein freundliches Wort zu sagen (wie zum Beispiel Guten Morgen, macht man ja vielleicht, wenn man auch nur ein ganz klein wenig Erziehung genossen hat), behielt der Rotzlöffel seine Kopfhörer auf und schaute den Schaffner noch nicht einmal an. Auch hier: so weit, so gut. Ich bin wahrscheinlich auch zu sehr auf Nettigkeit bedacht oder meine Umgangsformen sind zu antiquiert oder zu höflich für den täglichen Umgang mit meinen Mitmenschen. Vielleicht nerven mich solche Arschkrampen wie das Maurerdekolletee aber auch einfach, die im Leben irgendwie noch nichts richtiges geleistet haben, aber meinen, sich wie Arschkrampen benehmen zu können. Kraftausdruck, bitte seht es mir nach. Und ja, ich bin hier total voreingenommen und unfair. Auch als Heranwachsender hat man sicherlich schon was im Leben geleistet und sei es auch nur, dass man atmet. (Ich bin böse und sauer, merkt man das?)

Kurz vor den Elbbrücken wachten die Herrschaften langsam auf und Herr Maurerdekolletee musste seinem Kollegen noch eine Geschichte erzählen, in welcher er gestern von einer Schaffnerin „wieder total gef*ck*“ worden ist, da sie ihn ohne Fahrschein erwischt hat und ihm dafür wohl einen Strafzettel gegeben hat. Seine Erzählung schloss er mit den Worten „So eine alte Fo**e“. Und das war der Moment, in dem ich innerlich und dann auch äußerlich in Auffuhr geriet. Ich schaute den Maurerdekolleteeträger über den Gang hin mit offenem Mund an. Er erwiderte meinen Blick, ich muss zugeben, er senkte ihn auch ganz schnell wieder und stülpte sich seine Kopfhörer über und es schien mir, dass er sich ziemlich klein machte, da er irgendwie mit irgendetwas gerechnet haben muss. Wahrscheinlich zeigte ihm meine Körperhaltung oder der Ausdruck in meinen Gesicht, dass er eine gewisse Grenze überschritten hat, hatte aber dann doch nicht genug Maurerdekolletee-Arsch in der Hose, sich meine Standpauke anzuhören.

Leider war es dann keine Standpauke, welche aus mir herauskam, sondern ein Maunzen, zwar mit ausgefahrenen Krallen, aber dahingehend muss ich echt noch an mir arbeiten. Ich sollte besser entweder das sachliche Gespräch suchen oder spontan so pointiert kontern, dass es nicht nur zickig wirkt. Oder auch einfach mal meinen Mund halten. Das fällt mir bei so viel Ungezogenheit (auch eines der Lieblingswörter meiner Mutter) aber leider immer schwerer. Werde ich im Alter etwa zu einer diesen kochlöffelschwingenden Muttis, für die die Jugend nur ein müdes Lächeln hat, bevor sie sich abwendet und weitermacht wie bisher?

„Ganz ehrlich, Sie sollten sich für diesen Ausdruck schämen. So etwas sagt man einfach nicht.“ Ich sagte es, stand auf und wollte divenhaft aus dem Großraumwaggon stapfen. Für einen Moment wurde es ganz still um mich herum, die Gespräche der anderen Herrschaften (ich war die einzige Frau auf weiter Flur) verstummten. Maurerdekolletee starrte stumpf weiter auf sein Handydisplay, sein Kollege fühlte sich aber anscheinend in irgendeiner Ehre verletzt (in welcher? Ich weiß es nicht!) und meinte: „Welchen Ausdruck meinen Sie?“ Ich konterte „Das wissen Sie ganz genau, Sie sollten schon besser zuhören, wenn Ihr Kollege Ihnen etwas erzählt!“ „Was hat er denn gesagt?“ „Das werde ICH hier jetzt ganz bestimmt nicht wiederholen…“ motzte ich und wollte auf das WC verschwinden. Leider war das WC besetzt und so stand ich, für jedermann sichtbar, mit verschränkten Armen im Gang vor der WC-Tür. Ich fühlte ca. 56 Augenpaare auf mich gerichtet, der Waggon rumpelte vor sich hin, Gespräche wurden grade keine geführt. Als nach einer gefühlten Ewigkeit die Tür zum WC aufging, floh ich fast hinein. Als ich zum meinem Platz zurückkehrte, herrschte weiterhin Schweigen auf den Plätzen am Gang gegenüber, auch der Rest der Mitreisenden schien weiter keine Notiz von mir und meinem Auftritt zu nehmen. Ich setzte mich also hoch erhobenen Hauptes wieder hin und stieg am Hamburger Hauptbahnhof auch mit ganz geradem Rückgrat aus.

Irgendwie fühlte es sich richtig an, dass ich etwas gesagt hatte, auch wenn ich nicht sachlich oder pointiert gewesen bin, sondern motzig und irgendwie wie eine ganz schlechte Kopie der ungeliebten alten Nachbarin von früher, die aber auch immer etwas zu meckern hatte. Auf der anderen Seite fragte ich mich, warum ich überhaupt mein Schnäuzchen geöffnet habe, kann mir doch egal sein, was zwei Vollpfosten im Heranwachsendenalter einander erzählen. Es war eine Privatunterhaltung, die mich im Grunde gar nichts angeht. Aber sie wurde in einer Lautstärke geführt, die mich zur Mithörerin gemacht hat, auch wenn ich am anderen Ende des Waggons gesessen hätte. Und irgendwie schwang in meinem Inneren das Wort „Zivilcourage“ ziemlich laut hin und her, weil ich das Wort „Fo**e“ als ganz, ganz, ganz schlimm empfinde und nicht möchte, dass irgendjemand das zu irgendjemand anderem sagt. Auch wenn es in Abwesenheit einer dritten Person gegenüber benutzt wird. Blöde Kuh würde doch reichten, besonders wenn man etwas selbstkritisch wäre und merken müsste, dass man auch etwas zu dem Umstand beigetragen hat, weswegen man jetzt mit dem Gegenüber „Beef“ hat.

Wie es so meine Art ist habe ich sogleich recherchiert und mich allen Ernstes gefragt, ob es richtig ist, mein Gefühl mit dem Wort „Fo**e“. Oder ob ich komplett daneben liege. Und siehe da, ich bin auf diesen Artikel gestoßen, der sich mit einem Buch der US-Amerikanischen Philosophin und Philologin Judith Butler befasst (Haß spricht: Zur Politik des Performativen – Werde ich mir sicherlich noch mal beschaffen), welcher natürlich auch nur eine Meinung abbildet, aber immerhin: Ich bin nicht alleine mit dem Gefühl, dass manche Wörter am Liebsten unausgesprochen bleiben sollten, wenn da nicht das Problem mit der Debattenkultur wäre. „Eine antiseptische Sprache führt zu Erstarren.“ und „Dass die Sprache ein Trauma in sich trägt, ist kein Grund, ihren Gebrauch zu untersagen. Es gibt keine Möglichkeit, Sprache von ihren traumatischen Ausläufern zu reinigen und keinen anderen Weg, das Trauma durchzuarbeiten, als die Anstrengung zu unternehmen, den Verlauf der Wiederholung zu steuern.“

Mein Leben mit Geek

„Sag mal, findest Du mich zu albern?“

Der Bagelmann sitzt neben mir auf dem Sofa und beobachtet mich, wie ich mein Adventskalenderpäckchen mit der Nummer 18 öffne und ihn halb belustigt, halb vorwurfsvoll ansehe. Ich habe aus dem liebevoll verpackten und dieses Jahr sehr großdimensionierten Adventskalender schon wieder ein T-Shirt gezogen, daher der vorwurfsvolle Blick, da mein Adventskalender dieses Jahr ziemlich teuer gewesen sein muss. Der Bagelmann hat wie es scheint nämlich einen seiner Lieblings-Geek-T-Shirt-Online-Läden leer gekauft. Anfang des Monats hatte ich im Schmutzwäschesack beim Wäschevorsortieren schon 5-6 nagelneue Shirts mit coolen Motiven entdeckt, alle in Bagelmanngröße zwar, allerdings befand sich darunter eines mit meinem Lieblingsmotiv. Snoopy und Woodstock als Munch-Mashup. Natürlich stellte ich ihn gleich zur Rede. „Schatz? Du weißt schon, dass meistens ich die Wäsche mache, oder?“ —  seufz  —  „Weil, ich kann sehen, dass da ein neues Snoopy und Woodstock T-Shirt in der Wäsche liegt, falls Du vorhattest, mir das zu Weihnachten zu schenken…“  —– seufz   —Der Bagelmann bekam hektische rote Flecken im Gesicht und meinte nur „Äh, öh, äh, öh…“

Spätestens nach Adventskalendertürchen No. 4 wusste ich, dass wir ab sofort ein Partner-T-Shirt hatten. Da war nämlich dann doch mein Snoopy und Woodstock Munch-Mashup T-Shirt drin. Insgesamt waren es bis gestern schon 4 T-Shirts und das gestern war neben dem aus Türchen 14 (Dungeons & Dragons Mashup mit Katzen, herzallerliebst) ganz großartig und entzückend. Zwei Dinos unter dem Schriftzug „Hug me“ die sich gegenseitig beschmusen, allerdings nicht umarmen können, weil…. zu kurze Arme. Wir stellten fest, dass sie wohl deswegen auch so schnell ausgestorben sind, denn ohne Umarmungen kann doch kein Schwein überleben!

Beim Anprobieren des Dino T-Shirts fragte ich den Bagelmann auch mit vor Erstaunen riesengroßen Augen, warum er auf diesen abwegigen Gedanken kommt, das ich ihn zu albern finde. Also, nicht, dass das nicht schon vorgekommen wäre. Klar, der Bagelmann ist albern, oft auch in Situationen in welchen ich gerne tierisch ernst genommen werden wollte. Aber ich kann mindestens genauso gut albern wie er auch. Im Adventskalender-T-Shirt Geschenkaktion-Kontext konnte ich das jetzt aber nicht so ganz nachvollziehen. „Wieso sollte es albern sein, wenn Du mir tolle T-Shirts schenkst? Hä?“ machte ich und zwängte das Girlie-Shirt über meinen Hüftspeck. „Das einzige Problem ist nur, dass ich jetzt schnellstmöglich die Love-Handles loswerden muss, sonst kann ich die Shirts nur zuhause im Dunklen tragen“.

„Ach, vielleicht möchtest Du ja eher Schmuck haben, eine Kette oder Ohrringe, oder teure Negligés oder so und ich schenke Dir nur T-Shirts!“ murmelte mein Bagelmann in seinen Bart. Hach, mein Herz floss über vor Liebe und Wärme über so viel Unsinn in einem Satz. Der Bagelmann kennt sein Mädchen und weiß auch ganz genau, wie wenig wichtig mir Schmuck oder anderer Tinnef ist. Und wenn er mich am liebsten in lustigen Geek-T-Shirts sehen will, warum würde er mir sonst einen ganzen Adventskalender damit befüllen, dann ist es genau richtig. Ich hatte noch nie so tolle T-Shirts. Ich glaube, das mit den Dungeons & Cats wird eines meiner Lieblingsshirts. Ein Leben ohne Geek ist möglich, aber sinnlos. Für mich. ♥♥♥

GAT !d s+: a? C++++>$ U—? P? L—? E W+++$ N*? o+ K—- w+++++
O—- M- !V PS- PE- Y++>$ !PGP- t+++>$ 5 X R+++>$ tv? b+ DI D+++ G+? e h– r++ y+++++
(mein GEEK)

Quelle: http://www.joereiss.net/geek/geek.html

Fremdenverkehrsamt

Da sitze ich so morgens um 6:43 Uhr an der Straßenbahnhaltestelle und gucke mir noch etwas verschlafen die neueste Werbung in dem Straßenbahnhaltestellenwerbungsglas-kasten an. Und stutze. Nee, oder? Echt jetzt? Da macht meine geliebte Heimatstadt Hamburg Werbung für Weihnachten-im-Norden. Auf dem Bild zwei Paar frisch verliebte, sich gegenseitig neckende und die gebrannten Mandeln mopsende Menschen, mit trendigen Bommelmützen und vor der Kulisse des Hamburger Rathauses. Als das Bild entstand war bestimmt noch Sommer, denn etwas ganz Entscheidendes fehlt, um das Bild so richtig weihnachtlich authentisch zu machen: der wie blöd in seinem Schlitten hängende und an einem Seil über den gesamten Rathausmarkt gezogene Weihnachtsmann, nebst Christkind. Das alljährliche Spektakel für den gemeinen Hamburg Besucher auf dem immer übervollen und für mich unattraktivsten Weihnachtsmarkt, den Hamburg zu bieten hat. Da gibt es weitaus schönere! Oh ja. Ich möchte ja gar nicht behaupten, dass der Bergedorfer Weihnachtsmarkt der allerschönste ist, nur weil ich dort geboren und aufgewachsen bin, aber ein Besuch lohnt sich in jedem Fall. So vor der Kulisse des Bergedorfer Schlosses, joah, dat is schon bannig scheun, scheun, scheun! Hamburg hat in fast jedem Stadtteil, mag er noch so klein sein, einen oder mehrere Plätze an dem Glühwein, Höögvein oder andere schnapshaltige Gesöffe an den mehr oder weniger trinkfesten Weihnachtsmarkthopper gebracht wird. Da muss man wirklich nicht mit dem am Rathausmarkt werben.

Was mir aber heute Morgen die Augen geöffnet hat und mich sogleich meine Handykamera herausholen lassen hat war, dass in BREMEN Werbung für den HAMBURGER WEIHNACHTSMARKT gezeigt wird. Ich bin es mittlerweile schon gewohnt, dass meine beiden Hansestädte ihre jahrelange Rivalität scheinbar irgendwie aufgegeben haben, zumindest was das Touristische angeht. Werbung für unsere ElbPhi oder andere Spektakel sind an den Bremer Litfaßsäulen schon fast an der Tagesordnung. Hier mag der aufmerksame Beobachter jetzt aber den Finger heben und zurecht sagen: Die von Dir fotografierte Werbung scheint ja nun aber mal für den „gesamten“ Norden zu gelten (nimmt man die Internetadresse für bare Münze), also alle Weihnachtsmärkte zwischen Flensburg und Hannover, zwischen Oldenburg und Wismar und nicht nur Hamburg-Marketing par excellence. Aber, leider nein, liebe Mitleser! Weit gefehlt. Auf der angepriesenen Internetseite hat die Hamburger Tourismusbörse tatsächlich zunächst einmal nur die ganzen Hamburger Weihnachtsmärkte aufgelistet und abgebildet und dann gibt es da noch einen ganz kleinen Beitrag der da heißt „Weihnachten in der Metropolregion Hamburg“. Nun, mag man denken, dann wird da sicherlich auch Bremen mit dabei sein. Da sind dann aber leider doch nur Lüneburg, Stade, Lübeck, das Gut Basthorst (aha, da sag ich jetzt mal nix zu) und, jetzt kommt es, die Knallerstadt B u x t e h u d e, aufgeführt. Okee, bevor ich jetzt von allen Buxtehudern gemobbt werde, ja, ich kann mir eigentlich keinen Kommentar erlauben, ich war tatsächlich noch nie vor Ort und höchstwahrscheinlich haben die dort den aller-, aber auch wirklich aller-aller-schönsten Weihnachtsmarkt. Und ich kenne ihn noch nicht. Dabei bin ich die Weihnachtsmarktliebhaberin hoch3!

Und das bringt mich zurück zu meinem Punkt. Bremen, meine neue-alte Heimat BREMEN hat für mich wirklich einen der schönsten Weihnachtsmärkte Deutschlands. Schon wenn man aus Richtung des Bahnhofs kommt, kann man spätestens an der Ecke zum Hillmannplatz den Geruch von Mutzen riechen und wenn man von der Katharinenpassage über den Domshof läuft und am Neptunbrunnen das Kinderkarussel bestaunt, sich noch schnell beim Holländischen Pommes-Fietje eine Riesenportion Pommes mit Mayonnaise und / oder Sour-Cream holt, dann geht das Weihnachtsfeeling los. Sich vor der Bürgerschaft am Roland mit Freunden verabreden und mit hundert anderen Menschen dort warten, die das Gleiche gemacht haben, den Mitarbeiter der BSAG bestaunen, der jedes Jahr mit einer großen Weihnachtsglocke und Weihnachtsmannmütze bewaffnet vor den fahrenden Straßenbahnen die Obernstraße hoch- und runterläuft, um alle zu warnen, die von einem Büdchen zum nächsten huschen wollen und vor lauter Weihnachtsglühen die Straßenbahnschienen übersehen. Wenn man dann weiter zur Schlachte flaniert und dort auf beleuchtete und zauberhaft anmutende Alleebäume trifft, nebst einen wie ich finde überbewerteten „Mittelalterlichen Weihnachtszauber“, meinetwegen können die bitte alle auch ganz normales Hochdeutsch sprechen, Honigwein ohne Tamtam ausschenken und sich der Jahreszeit angemessen warm anziehen. Ich steh nicht so auf Männer mit Lederkappen auf dem Kopf und in Nachthemden die mich mit „Edle Dame, drängt Euch eine Frage? Nur frisch heraus damit! Wünschet Ihr noch einen weiteren Trunk?“ ansprechen. Aber das ist ja das Schöne: man kann auch gerne wieder zurück zum Roland, zum kleinen Weihnachtsmarkt an der Unser Lieben Frauen Kirche und sich dort weiter gemütlich mit Glühwein zuschütten.

Wenn es dann sogar noch schneit und die Dächer des Doms, des Rathauses und der tollen anderen Gebäude in der Bremer Altstadt weiß gepudert werden, dann bin ich wie jedes Jahr verzaubert und auch dieses Jahr werde ich dort stehen und mir denken: gut, dass ich wieder hier bin.

Ich sollte die Werbung im Glaskasten überkleben mit dem Slogan:

„Bleib hier in Bremen. Etwas Besseres als diesen Weihnachtsmarkt findest Du nämlich nicht überall.“ *

*frei nach den Gebrüder Grimm: Die Bremer Stadtmusikanten

 

Frostration

„Ich habe heute gehört, dass es in diesem Jahr einen extrem knackig-kalten Winter geben wird,“ sagte der Bagelmann, als ich gestern Abend bibbernd vor Kälte nach Hause kam. Ich schaute ihn kurz an. „Bis zu -40°C!“ Ich blinzelte. „Okeeeee…..“ murmelte ich und schaute ihn weiter erwartungsvoll an. Es erschloss sich mir noch nicht, worauf er hinaus wollte. Mir war gestern kalt, weil ich es bisher versäumt hatte, meine Winterjacke herauszusuchen. War ja auch bis vor Kurzem noch immer schick muckelig warm und mein Funktions-Übergangsmantel hatte, wie der Name sagt, bisher prima funktioniert. Ich war also mit dem Gedanken nach Hause gekommen, abends noch schnell die dicke Jacke herauszupulen, bevor wir alles in Umzugskartons packen und ich weiterfrieren müsste, weil irgendwann niemand mehr sagen könnte, in welchem der 65 Kartons die Wintersachen eingetuppert worden sind.

Wir ziehen nämlich in drei Wochen aus unserer Wohnung in eine grössere um. Die Zeit der Umzugskistenwände beginnt wieder. Das Kind vom Bagelmann freut sich schon darauf. „Juchu! Verstecken spielen!“ Wir Erwachsenen freuen uns nicht so sehr darauf. Der Bagelmann freut sich gerade über etwas anderes.

„Zum Glück haben wir bald einen Kamin.“ Ich blinzelte wieder. „Aha,“ meinte ich. „Was machst Du Dir bloß für Gedanken? Hast Du Angst davor, dass wir erfrieren?“ „Zu viele Katastrophenfilme gesehen.“ murmelte mein Bagelmann. „Ich habe keine Angst, aber mit Kamin ist man dann in solchen Fällen noch besser vorbereitet und kann noch besser für den Ernstfall vorsorgen.“

Ich resignierte. Oh je, dachte ich, und vor meinem geistigen Auge sah ich, wie sich unsere neue Traumwohnung nach und nach in die Bremer Katastrophenleitstelle für extreme Winter inklusive eines Notfall-Evakuierungslager verwandelte. Mit 20.000 Litern Frischwasser im Keller, 150 Dosen Kidneybohnen, 200 Säcken Cornflakes und Haferflocken, rauen Mengen an Margarine und Keksen. Schokolade natürlich auch. Eine Batterie an Batterien und Notstromaggregaten, wo auch das Auge hinschaut. Alte Bundeswehrdecken und Nahrungsergänzungsmittel in Form von Vitaminentabletten rundeten das Bild ab. Der Bagelmann kann nämlich, wenn er will, ziemlich gut planen. Und in Sachen Vorratsbeschaffung und mal eben eine redundante Stromversorgung aus einer Büroklammer, einer alten Klorolle und einem Stückchen Hühnerdraht basteln, da ist er ganz groß drin.

Ich liebe ihn dafür. Seiner Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Er hält alles für möglich und wenn das Bagelmannkind kommt und gerne das komplette Ewokdorf von Lego bauen möchte, obwohl wir das Legoset nicht haben, dann wird es halt aus Bordmitteln nachgebaut. Und sieht dann im Endeffekt tausendmal besser aus. Und ist natürlich noch viel origineller als das Original. Das versteht sich von selbst.

Leider halte ich auch alles für möglich und vor allem für wahr und in diesem Fall war ich komplett irritiert und war fest davon überzeugt, dass er das Gesagte auch wirklich so meinte. Ich kann oft nicht unterscheiden zwischen ernstgemeintem und eher scherzhaftem Geplänkel. Gerade wenn ich mit meinen Gedanken ganz woanders bin. Dann möchte ich aber trotzdem erfassen, was der andere mir mitteilt und strenge mich an, in dem Gesagten einen Sinn zu sehen, auch wenn ich es den Worten nach noch nicht erkennen kann. Ich strenge mich an. Zu sehr. Dann kann es passieren, dass ich noch unlockerer werde als ich eh schon immer bin und die Situation zu kippen beginnt.

Das frustriert mich. Sehr sogar. Wie gerne würde ich einfach mal etwas hören, ohne es gleich eintüten zu wollen, zu bewerten, immer einen tieferen Sinn darin sehen zu wollen. Ich bin dann so hilflos und werde auch leicht ärgerlich, weil ich die Problematik gar nicht verstehe und mir grade nicht vorstellen kann, dass man ernsthaft über eine Katastrophe nachdenkt, die eventuell so gar nicht eintrifft. Aber da es ja mein geliebter Bagelmann ist der zu mir spricht, will ich natürlich auch nicht, dass er mit seinen Sorgen und dem Problem des drohenden Kältekollapses alleine bleibt. Trotzdem verfährt sich die Situation komplett.

„Ich fange erst an, mir Gedanken über so was zu machen, wenn die Situation da ist,“ motze ich also irgendwann. „Was soll ich mich jetzt schon sorgen, wenn ich noch gar nicht weiß, in welcher Kuhle Deutschlands diese Rekordminustemperaturen gemessen werden?“ fügte ich noch hinzu. Und dann fange ich auch noch vor lauter Frustration an zu weinen. Wie schön wäre mein Leben mit etwas weniger Ernsthaftigkeit. Meine Mutti hatte das immer schon zu mir gesagt: „Mäuschen, Du nimmst das alles viel zu ernst.“ Ach Mutti.

Es wäre toll, wenn mein Ironiedetektor nicht nur an besonders guten Tagen funktionieren würde. Wenn ich einfach mal mehr die Haltung an den Tag legen würde, die da heißt: I don’t give a sh***. Jedenfalls nicht jetzt. Oder nicht immer gleich und unmittelbar. Nicht sofort. Später vielleicht. Wenn sich die Situation ggfs. wiederholen würde oder der Bagelmann vielleicht nächste Woche schon anfängt, eine LKW-Ladung voll Brennholz vor die neue Wohnung zu kippen. DANN wäre der richtige Zeitpunkt. Gestern hätte ein Lächeln genügt und ein „Aha, mhmm….soso.“ Boah, da muss ich wirklich noch dran arbeiten, selbst beim Schreiben denke ich innerlich „Aber, aber, aber.“ Nein, kein aber. Punkt. Aus. Schluss. Gelassenheit.

Winter is coming. Ziehen wir uns warm an.

 

Seelenreis

Gestern Abend musste ich weinen.

Nicht, dass das bei mir etwas Ungewöhnliches wäre, bin ich ja sowieso ziemlich nah am Wasser gebaut (oder nah an der Keksdose wie der Bagelmann immer so schön sagt). Ich heule sogar ganz schön oft. Zur Zeit wegen der Anspannung, der ständigen Müdigkeit, dem Stress, der knappen Zeit für die schönen Dinge des Lebens um nur einiges zu nennen. Der Grund weshalb mir gestern die Keksdose aufging war aber ein anderer, nämlich ein Schüsselchen voll Reis.

Ich kam am gestrigen Montag nach einem wieder einmal viel zu kurzen Wochenende und einem langen 14-stündigen Arbeitstag nach Hause und war fertig mit der Welt. Meine Füße waren rund, der Magen war leer, der Kopf müde und das Herz schwer. Ichmagnichtmehrpendeln. Aber das ist ein anderes Thema. Ich machte mir ein bisschen Reis warm, schnibbelte ein paar Käsewürfelchen hinein und vollendete das Seelenessen mit ein wenig Butter und ein paar Spritzer Maggi. Während ich aß, sagte ich zum Bagelmann, wenn die Welt mal wieder nicht in Ordnung sei und er mich wieder fröhlich machen möchte, bräuchte er mir nur dieses Seelenessen zu kochen. Es müssen noch nicht mal die Käsewürfelchen sein, ein wenig Reis mit Butter und Maggi reichen und ich und meine Seele fühlen sich wieder gut und geborgen.

Während ich also meinen Reis löffelte, dachte ich darüber nach, wieso mir dieses Essen eigentlich ein Gefühl der Geborgenheit gibt. Und auf einmal fiel mir ein, dass meine Mutter mir immer Reis mit Maggi und einem ganz kleinen bisschen Butter gemacht hat, wenn ich mit einer Magenverstimmung krank war, was ziemlich oft der Fall gewesen ist. Zum Glück hatte meine Mutter eine gute Kinderärztin für uns, die ihr eine gute Ratgeberin und manchmal auch Seelsorgerin gewesen ist und ganz viel auf alte Hausmittel und pflanzliche Heilmittel geschworen hat, anstatt immer gleich auf Medikamente und Chemie zu gehen, und oft einfach auch mal auf pure Reduktion.

Durch diese Erinnerung kamen also gestern Abend bei mir die Tränen geschossen und machten den Reis noch ein wenig salziger. Meine Mutter war nämlich mir eine gute Ratgeberin und Lehrerin, auch wenn ich ganz oft mit ihr Streit hatte oder ihre Meinung einfach nicht hören wollte. Aber sie hat immer gut und außergewöhnlich für mich und meine Schwester gesorgt.

Es braucht keinen Tüdelkrams, kein Brimborium, keine großen Sachen, um eine schöne Erinnerung zu manifestieren. Reis und ein wenig Liebe und schon wird der Magen und die Seele wieder gesund.

 

American Cuisine

Ich weiß nicht was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin….

Ich habe eine neue Serien-Junkie-Serie, nach dem ich mir die wohl bekannteste TV-Arztserie nach der Schwarzwaldklinik in 12 frei veröffentlichten Staffeln sowie eine siebenstaffelige Anwaltsserie in einer für mich sensationellen Rekordzeit reingezogen habe. Die neue Serie heißt „Chef’s Table“ und ich wurde auf ganz ulkige Weise darauf aufmerksam. Vorletztes Wochenende, ich habe nach wie vor nicht genug vom Bahnfahren, sind der Bagelmann, das Bagelmannkind und ich auf meinen Wunsch hin nach Darmstadt gedüst um dort auf ein ganz entzückendes Festival zu gehen. Im Zug von Frankfurt nach Darmstadt saß ich neben einer jungen Frau, die ein Video guckte. Unverschämt wie man dann manchmal ist, glotzte ich ihr fast die Mattscheibe weg, aber auch nur aus dem Grund, weil ich bekannter Weise Kochen LIEBE und Backen sowieso und grade in dem Moment ein paar Hände in dem Video Teig geknetet haben und ich ganz fasziniert davon gewesen bin. Die junge Dame lächelte amüsiert und ich merkte dieses und entschuldigte mich für die Unverfrorenheit. Sie aber schob mir sogar noch das Display hin und meinte, dass ich ruhig mit gucken dürfte, das wäre eine ganz tolle Serie und wenn man Netflix hätte (ja natürlich haben wir!), würde sie die nur empfehlen.

Ich habe also letzte Woche mit der ersten Folge angefangen und war ganz hingerissen, ging es doch um einen Italienischen Chef aus Modena. Der hat nämlich mal eben die ganze Parmigiano Reggiano Ernte des Jahres 2012 mit einer sensationellen Geste in Form eines Rezeptes, welches dank guter Vermarktung um die Welt ging, gerettet, als ein Erdbeben die Region verwüstet hatte (klick und klick und klick). Das war ja schon mal ein toller Anfang und ich musste die Folge auch gleich meinem Bagelmann zeigen. Der fand das glaube ich auch ganz gut. Heute Morgen sah ich dann die zweite Folge über einen Amerikanischen Spitzenkoch, der viel auf Bio, Saisonal und vom Acker direkt auf den Tisch macht. Ziemlich lustig finde ich seine aufgespießten Möhrchen und Rübchen, die man im Trailer der Serie sieht. Aber zurück zu dem was ich eigentlich schreiben wollte. Der Amerikanische Chef Dan Barber sagte in einer Szene, dass es in Amerika keine Kochkultur gäbe, keine „eigene“ Küche. Amerikaner sind ein Volk aus Immigranten bis auf die Native Americans natürlich, wobei die ja auch irgendwann mal irgendwoher gekommen sind, und es gab eigentlich nie die Notwendigkeit, einer eigenen American Cuisine. Es gab alles immer im Überfluss und man konnte, anstatt sich zu überlegen, wie sich alle Fleischstücke eines Tieres verwerten ließen, jeden Tag ein fettes Steak essen, baute auch bei der Gemüsezucht nicht auf Vielfalt. American Cuisine ist bis dato gekennzeichnet von mittelmäßige Zutaten in großen Mengen. So weit so gut.

Des Chefs Fazit war, dass großartige Küchen meistens aus der Not heraus entstanden sind, man musste mit dem haushalten, was da war. Weniger wird dann mehr, jedenfalls gemessen an der Vielfältigkeit. Auf wie viele Arten kann man eine Zucchini servieren? (Das war jetzt mein kruder Vorschlag). Das spornt die Kreativität an, macht hingebungsvoll, man muss sich immer neu erfinden, neu kreieren, zaubern. Sich und etwas entwickeln.

Ich habe aus Gründen heute nicht gut geschlafen. Ich bin traurig. Tatsächlich auch aus Gründen. Einer der Gründe ist aber natürlich das Wahlergebnis von gestern Abend, mannometer, zwölfkommairgendwas Prozent der Bevölkerung sind wohl irgendwann mal mit dem Klammerbeutel gepudert worden. Irgendwie schwirrt mir aber dieser Gedanke des American Chefs im Kopf herum: aus der Not heraus entwickeln sich neue Ideen, Konzepte. Sogar ganze Küchenkulturen. Warum sollte das jetzt nicht die große Herausforderung für unsere bisher so einigermaßen lupenreine (ich weiß, einige werden das anders sehen) Demokratie sein, ganz neu denken zu müssen! Denn ein weiter so, GroKo, geht jetzt nicht mehr. Und das ist auch gewissermaßen gut so. Eine neue Oppositionspartei ist da, die jedem auf den Nerv geht, aber hoffentlich gut in Schach gehalten werden kann, durch gute Oppositions- und Regierungsarbeit. Wenn Sie sich nicht bald selbst sabotiert und demontiert, wie in einigen Länderparlamenten bereits geschehen. Nicht mehr satt sein, liebe etablierte Parteien, von dem was ihr habt. Von dem was immer da gewesen ist. Nein, seid kreativ. Macht was aus der Herausforderung, dass Euch da eine nichtdemokratische Partei Eure Sitze im Bundestag weggenommen hat. Etwas vom Kuchen stibitzt hat, mit Bauernfängerei, Lügen und Weltanschauungsgrößenwahnherumgekotze und Braunkackmist. Ihr müsst jetzt mit dem haushalten, was da ist. Nehmt diese Situation an, denkt über die AfD, dass sie das Unkraut in Eurem Gemüsegärtchen ist und keine weitere Zutat in unserer Parlmentssuppe. Aber wir alle müssen jetzt mehr denn je aus dem Vorhandenen eine Tugend machen. Noch besser, noch demokratischer werden. Und Das, liebe Bundesregierung ist mein Auftrag an Euch! Nouvelle Berlin! Oder Nuova Cucina Berlin!

Ich habe übrigens noch ein Gedicht gefunden. Warum es so ist, wie es ist und vor allem immer noch oder schon wieder bei einigen Menschen der pure Hass regieren will? Ich weiß es nicht……aber auch das hat mich heute sehr berührt. Ich beginne und Ende also mit Heinrich Heine.

„Aber wir verstehen uns bass,
Wir Germanen auf den Hass.
Aus Gemütes Tiefen quillt er,
Deutscher Hass! Doch riesig schwillt er,
Und mit seinem Gifte füllt er
Schier das Heidelberger Faß.“

Spread Love.

PS: das Titelbild ist urheberrechtlich geschützt. Ich hoffe, ich durfte es trotzdem verwenden, liebe Muppets.